Warnung - RadioaktivitätTschernobyl-HeadlineWarnung - Radioaktivität

Chronik einer technischen und menschlichen Katastrophe

5. Vorläufige Opferbilanz von Tschernobyl: Konsequenzen eines UnfallsIndex7. Fussnotenübersicht

  1. Leben nach Tschernobyl

Es wird eine Zeit kommen, da wird es grün sein, aber nicht schön. Es wird eine Zeit kommen, da wird alles sein, aber es werden keine Menschen sein. Prophezeiung,
zit. in: Juri Stscherbak182

Das Unglück von Tschernobyl ist in erster Linie eine menschliche Katastrophe. Hunderttausende wurden entwurzelt, ihre Heimat wurde zur Verbotenen Zone erklärt. Viele Generationen litten unter der Katastrophe, so etwa die der Liquidatoren, Soldaten, Studenten und Reservisten, die der sowjetische Staat zu den Aufräumarbeiten in und um Tschernobyl zwangsverpflichtete. Aber man muß auch die Feuerwehrleute und die Arbeiter des Kraftwerks nennen, von denen viele ihr Leben gaben, um das atomare Monster niederzuringen. Noch gar nicht zu denken ist an die nächsten Generationen weißrussischer und ukrainischer Kinder, bei denen Krebserkrankungen und Mißbildungen stark zunehmen werden. Und was ist mit all den Kindern, die in den Wochen nach der Explosion aufgrund der massiven Verstrahlung ihrer schwangeren Müttern abgetrieben werden mußten? Sind auch sie Tschernobyl-Opfer? Diese Frage kann nur eine höhere Instanz beantworten, ebenso wie es nur dort eine Chronik aller Helden von Tschernobyl gibt. Bis heute sind nicht all ihre Namen bekannt. Viele junge Männer taten in Tschernobyl Dienst, bevor sie danach wieder in ihre Heimat zurückzukehrten, um dort zu sterben, zu Invaliden zu werden oder um weiterzuleben, die Erinnerung an ihre Zeit in Tschernobyl stumm mit sich herumtragend. Der Herald Tribune schrieb: "Tschernobyl ist eine Katastrophe, die sich mit der Intensität und Unausweichlichkeit einer griechischen Tragödie abspielte."183 Aber wie nahm diese Tragödie ihren Lauf? Der Arzt Walentin Bjelokon, einer der Helden dieser Nacht, wurde Zeuge der Explosion: Als wir ins Krankenhaus zurückfuhren, sahen wir DAS. Wie das war? Ich saß neben dem Fahrer, als ich es in Richtung Pripjat zweimal aufleuchten sah. Zuerst hatten wir keine Ahnung, dass das beim Kraftwerk war. Wir dachten, das wäre Wetterleuchten. Weil ringsum Häuser waren, konnten wir das Kernkraftwerk nicht sehen. Nur das Aufleuchten. Wie von einem Blitz, vielleicht ein bißchen heller als ein Blitz. Tolja, mein Kollege, sagte noch: 'Ich weiß nicht recht, ob das Wetterleuchten ist.'184
Juri Stscherbak, der voller aufrichtiger Anteilnahme das Leben nach Tschernobyl beschrieben hat, schreibt in seiner Erzählung, die den schlichten Namen "Tschernobyl" trägt: Es war eine warme Aprilnacht, eine der schönsten Nächte des Jahres, in denen sich die Blätter plötzlich entfalten und einen grünen Nebelschleier auf den Bäumen bilden. Es schlief die Stadt Pripjat, es schlief die Ukraine, das ganze Land schlief, noch ahnungslos, dass es von einem gewaltigen Unglück heimgesucht wurde.185
Am 26. April 1986 stürzte unser blinder Glaube an Wissenschaft und Technik in sich zusammen wie die Betonabdeckungen des 4. Blocks. Wer erinnert sich nicht mehr an die Fotos von dem geborstenen Reaktor, die rund um die Welt durch die Presse gegangen sind? Selbst Leute, die von der Kernenergie nichts verstehen, sind noch heute von ihrem furchterregenden Aussehen betroffen. Fachleuten hingegen war klar, dass etwas in seinen Ausmaßen Beispielloses geschehen war.186

  1. Helden der ersten StundeGanz nach oben !

Noch immer wird gerätselt, ob die Helden der ersten Stunden nach der Explosion, Feuerwehrleute und KKW-Arbeiter, von der Strahlengefahr wußten, der sie sich entgegenstemmten. tscherno11 Vieles deutet darauf hin, dass spätestens nach der ersten Inspektion des Brandes durch die örtliche Feuerwehr den Löschmannschaften klar war, dass der Reaktor frei lag. Einem der Autoren dieser Arbeit wurde in einem privaten Gespräch die Geschichte von dem Kiewer Feuerwehrmann Sergej Gogol erzählt, der als Einsatzleiter eines Feuerwehrzuges durchaus über die Strahlengefahr informiert war. Als Gogol gegen drei Uhr morgens mit seinen Kollegen nach Tschernobyl fuhr, wußte er, "dass das Unvorstellbare wahr geworden war. Er war sich sicher, dass er diesen Einsatz mit seinem Leben bezahlen würde." Und doch rückte er aus, ohne zu zögern. Trotz schwerster Verstrahlungen hat er überlebt und lebt heute als Invalide in Kiew. Auch Leonid Teljatnikow, der damals Leiter der Werksfeuerwehr war und als einer der ersten Feuerwehrleute am Ort der Katastrophe eintraf, bestätigt diese Theorie: "Keiner der Männer verlor die Fassung. Sie spürten die Gefahr, doch alle wußten: Es muß sein. Sonst hätte es sehr lange gedauert, bis der Brand gelöscht war, und die Folgen wären bedeutend schwerer gewesen. Das Betreiberpersonal sagte mir: 'Das Dach muß gelöscht werden, denn Block 3 läuft noch, und wenn was einstürzt und nur eine Platte auf den Reaktor fällt, kann es noch eine undichte Stelle geben.'"187 Und so stieg Teljatnikow auf das Dach von Block 3 und löschte den Brand.
Als erstes wurden die Männer der Wache 6 abtransportiert - sie hatten direkt am Reaktor gelöscht, wo es am gefährlichsten gewesen war. Sie starben auch als erste in der Moskauer Klinik Nr.6: Prawik, Kibjonok, Wastschuk, Ignatenko, Titjonok und Tistschura. Ihre sechs Porträts hängen in schwarzen Rahmen an der Wand der Feuerwache von Tschernobyl. Man glaubt, Trauer in ihren Blicken zu erkennen, erstarrte Verbitterung, Vorwürfe und die stumme Frage: "Wie konnte das geschehen?"188
Zweifellos haben diese Männer eine wahre Heldentat vollbracht.
Wie war es, als sie den Reaktor löschten? Walentin Bjelokon, der mit seinem Rettungswagen am Reaktor Wache hielt, den Helden medizinisch zur Seite stand und als erster Arzt der Welt am Ort einer solchen Katastrophe arbeitete, berichtet: Auf einmal kommen drei Mann und bringen einen 18jährigen Feuerwehrmann. Er kann sich kaum auf den Beinen halten, ist erregt und hat merkwürdige Symptome: geistige Verwirrung, er kann nicht sprechen (seine Zunge ist durch die Strahlung angeschwollen), fängt an zu taumeln. Und er ist blaß. Und die, die aus dem Block herausgerannt kommen, schreien nur: 'Entsetzlich, entsetzlich!' Psychisch völlig durcheinander. Später hörte ich, die Anzeigegeräte hätten durchgedreht. Aber das war erst danach. Als es hell wurde, stiegen Feuerwehrleute von dem Block herunter. Einer sagte: 'Soll werden, was will, ich geh da nicht mehr rauf!' Allen war mittlerweile klar, dass mit dem Reaktor was nicht stimmte. Da waren am Reaktor schon keine Blitze mehr zu sehen, es kam nur noch schwarzer Rauch und Ruß.189 Dieser Bericht ist eindeutig. Er stammt aus einer glaubwürdigen Quelle, von einem Mann, der den unter Schock stehenden, von der Strahlung gequälten Menschen beistand und ihnen Zuversicht vermittelte. Das war in jener Nacht seine einzige Medizin, eine Medizin, stärker als alle Narkotika der Welt.190
Aber auch andere Menschen bewiesen in jener Nacht großen Mut. Um nur einige zu erwähnen, seien hier Alexander Akimow und Leonid Toptunow genannt, die beiden Operatoren, die ihr Leben gaben bei dem Versuch, die Wasserversorgung für den schon nicht mehr existierenden Reaktor zu sichern. Exemplarisch sei auch Alexander Sitnikow erwähnt. Seine Frau erinnert sich: In der bewußten Nacht ist er aufgestanden und losgegangen, so wie immer. Ohne viel Federlesens. 'Es ist ein Unglück passiert,' sagte er, 'ich muß hin.' Das war alles. Am nächsten Tag, als er nach Moskau abtransportiert wurde, habe ich ihn beim Abschied im Bus gefragt: 'Tolja, warum bist du in den Block gegangen?' Darauf er: 'Versteh doch, wer kennt diesen Block besser als ich? Die Leute mußten herausgeholt werden. Hätten wir diese Havarie nicht eingedämmt, gäbe es die Ukraine nicht mehr, ungelogen, vielleicht sogar halb Europa.'191

Sitnikow, Akimow und Toptunow erlagen alle wenig später in der Klinik Nr.6 den Folgen der Strahlung, der sie sich in jener Nacht ausgesetzt hatten.
Wie ging man mit ihnen um? Empörend langsam ist in Stscherbaks Augen die völlig unstrittige Frage der Ehrung dieser tapferen Leute entschieden worden. "War es wirklich nicht möglich, ihnen noch zu Lebzeiten, Anfang Mai 1986, den Ehrentitel Held der Sowjetunion zuzuerkennen? Es bestand nicht der geringste Zweifel, dass sie eine Heldentat vollbracht haben."192 Schließlich wurde ihnen posthum der Orden verliehen. Leider Gottes zu spät. Hätte man diese Männer wirklich nicht mehr zu Lebzeiten ehren können? Sie wären so stolz gewesen.
Heute kennt kaum mehr jemand ihre Namen. Anerkennung finden sie nur im Stillen. So in der heute verbotenen Stadt Tschernobyl. Hinter dem Glastor der Feuerwache 6 steht, einem riesigen Denkmal gleich, ein für immer erstarrter gewaltiger Löschzug, ein Symbol für die Heldentat des Zuges von Leutnant Viktor Kibjonok.193

  1. Fahrt nach TschernobylGanz nach oben !

Grigorij Medwedew erhielt am 8. Mai 1986, 13 Tage nach der Explosion, den Befehl, sich vor Ort in Tschernobyl ein Bild von den Ausmaßen der Katastrophe zu machen, sie zu bewerten und anschließend Bericht zu erstatten. Er flog nach Kiew, stieg dort in ein Auto um und machte sich auf den Weg nach Tschernobyl. Um die Situation im Katastrophengebiet kurz nach dem Super-Gau nachvollziehen zu können, seien hier seine Eindrücke zusammengefaßt dargestellt:
"Wir fuhren am Schewtschenko-Platz vorbei. Ich blickte aus dem Fenster auf den Kiefernwald und wußte, dass auch hier alles radioaktiv verseucht war. Die Gesichter der Menschen, die wir sahen, drückten Trauer und Einsamkeit aus. Aus der Tschernobyler Richtung kamen uns kaum Fahrzeuge entgegen. Wir durchfuhren Petriwzy. Selten Fußgänger, aber Kinder kamen aus der Schule. Eigentlich waren es noch dieselben wie vorher, aber andererseits hatten sie sich schon verändert. Früher waren hier die Straßen immer voll von Menschen und Autos gewesen. Das Leben brodelte. Jetzt wirkte alles wie betäubt, isoliert und abgebremst. Als wir in Iwankow ankamen (auf halbem Weg zwischen Kiew und Tschernobyl gelegen), um unsere Spezialanzüge abzuholen, beobachteten wir zwei Arbeiter, die gerade aus Tschernobyl zurückgekehrt waren. Einer von ihnen zeigte mit seiner Mütze nach Nordwesten in den abendlichen, diesigen Himmel und rief: 'Das brennt heute, erstickend.' Er hustete und kratzte sich, als wenn er eine Allergie hätte, doch das war die Radioaktivität, die er aufgenommen hatte. Auch wir sahen in die erwähnte Richtung. Der Himmel sah düster und drohend aus. Und wir schauten dorthin, als ob ein Krieg tobte, als befände sich in dieser Richtung die Front."
Wir erfuhren, dass unsere Ausrüstung in Kiew war. So fuhren wir wieder zurück. Auch in Kiew kratzte die Luft im Hals, nicht weniger als in Iwankow. So etwa 3 bis 5 Milliröntgen pro Stunde, schätzte ich. Im Radio wurde gerade durchgegeben, dass der Pegel in Kiew 0,34 Milliröntgen pro Stunde betrage. Das war eindeutig untertrieben. Warum?
Am nächsten Morgen brachen wir erneut nach Tschernobyl auf. Zu beiden Seiten der Straße, so weit das Auge reichte, menschenleere grüne Felder. In den Siedlungen und Dörfern kaum ein Zeichen von Leben. Im Staub scharrten Hühner, und ein halbes Dutzend Schafe lief ohne Hüter in Richtung Tschernobyl. Ein kleiner Junge ging mit seinem Ranzen zur Schule. Mit neugierigem Blick schaute er auf uns blau gekleidete Fremde im Auto.
Wenige Menschen. Es brannte stärker in den Augen, es brannte im Hals. Das Grün war noch frisch. Aber bald, so wußte ich aus Erfahrung, würde es dunkeln, schwarz werden, eintrocknen und die Färbung von Pech annehmen.

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Ringsum kein Mensch. Auch kein Vogel. Oder doch, weiter entfernt flog eine müde Krähe. Nach einigen Kilometern trafen wir eine weitere lebendige Seele. Auf der Straße kam uns aus Richtung Tschernobyl, den radioaktiven Staub mit den Hufen aufwirbelnd, ein geschecktes Fohlen entgegen. Verwirrt und einsam wendete es den Kopf, suchte seine Mutter und stieß ein klagendes Wiehern aus. Eigentlich hatte man in dieser Gegend das Vieh schon erschossen. Das Fohlen war wie durch ein Wunder entkommen. Lauf, Kleiner, lauf fort von hier! Obwohl das Fell bestimmt schon stark radioaktiv war: Lauf, vielleicht hast Du Glück!
Bis Tschernobyl war es nicht mehr weit. Rechts und links Militärlager, Zeltstädte, Technik, Soldaten. Hier standen gepanzerte Transportfahrzeuge, Bulldozer, Spezialfahrzeuge mit angehängten Manipulatoren und Schildern. Und wieder Zeltstädte. Truppen ohne Ende. Die chemischen Truppen der Sowjetarmee.
Wir fuhren durch ein ausgestorbenes Dorf. Nicht eine Menschenseele. Dieses ungewohnte Schweigen war bedrückend. Und wieder Felder rechts und links. Bis an den Horizont radioaktives Grün.
In Tschernobyl angekommen, ließ ich meine Kollegen aussteigen, suchte mir einen Fahrer und ließ mich von ihm nach Pripjat fahren. Mit hoher Geschwindigkeit fuhren wir über den Buckel des Bahnübergangs in die tote Stadt ein. Sofort wurden wir mit dem gräßlichen Anblick der Katzen- und Hundekadaver konfrontiert. Überall, auf den Wegen, auf den Höfen, auf den Plätzen: Kadaver von erschossenen Tieren. Eine leere, aufgegebene Stadt mit den unheimlichen Spuren der Verlassenheit und der Unwiderruflichkeit des Unglücks. Die Stadt sah aus, als ob es sehr früh am Morgen wäre. Nur war es eben sehr hell, und die Sonne stand schon hoch am Himmel. Pripjat lag in einem Schlaf, aus dem keiner erwacht.
Auf der engen Straße, die auf die Schule zuführte, rannten zwei große, abgemagerte Schweine in unsere Richtung. Sie sprangen auf das Auto zu, quiekten, stießen mit den Rüsseln an die Räder. Mit ihren blutunterlaufenen Augen sahen sie uns an und hoben ihre Rüssel empor, als ob sie um etwas bäten. Ihre Bewegungen waren irgendwie unkoordiniert, sie schwankten. Ich hielt den Geber meines Dosimeters an eines der Schweine: 50 Röntgen pro Stunde, dann an den Kadaver einer Dogge: 110 Röntgen pro Stunde. Dann begannen die ausgehungerten radioaktiven Schweine die Dogge zu fressen. Sie zerrissen den Kadaver und zerrten die Teile auf dem Beton hin und her. Aus den ausgelaufenen Augen und der aufgesperrten Schnauze der Dogge erhob sich ein großer Schwarm blauer Fliegen.
Wir hatten genug gesehen, Unser nächstes Ziel war das Kraftwerk, der vierte Block. Überall lag Graphit. Ich maß die Radioaktivität: 2000 Röntgen pro Stunde. Es roch nach Ozon, nach Hitze und nach Staub. Soldaten sammelten den Graphit mit den Händen auf und gingen dann mit - so schien es mir - schleppenden Schritten zu Stahlcontainern und schütteten den Inhalt der Eimer dort aus. 'Ihr Lieben', dachte ich, 'was bringt Ihr hier für eine schreckliche Ernte ein?'
Am Verwaltungsgebäude stellten wir den Wagen ab. Für mich ging es zu Fuß weiter. Mein Ziel war die Blockwarte des vierten Blocks. Ich mußte den Ort sehen, wo der Knopf gedrückt wurde, der zur Explosion führte, ich mußte sehen, auf welcher Höhe die Anzeige für die Absorberstäbe stehengeblieben war, ich mußte selbst die Radioaktivität auf der Blockwarte messen, um zu begreifen, unter welchen Bedingungen die Operatoren hier gearbeitet hatten.
Mit schnellem Schritt, fast rennend, lief ich den langen Korridor zum vierten Block entlang. Es waren etwa 600 Meter bis dorthin. Schneller...
Mein Gerät zeigte 1 Röntgen pro Stunde, der Zeiger kroch langsam nach rechts. Ich lief an den Blockwarten 1 und 2 vorbei. Operatoren tauchten auf, die die anderen Reaktoren im Abkühlregime überwachten. Der dritte Block. Hier war schon mehr von der Explosion zu spüren. 2 Röntgen pro Stunde. Beim Weitergehen verspürte ich einen metallischen Geschmack auf der Zunge, ich merkte, daß es zog. Wieder roch es nach Ozon und Hitze. Auf dem Fußboden lagen die Scherben der zersprungenen Fenster. 5 Röntgen pro Stunde. Ich hatte den Eindruck, dass ich durch die Korridore und Kajüten eines gesunkenen Schiffes wanderte. Rechts von mir befand sich die Reservewarte, links die Blockwarte 4. Hier hatten die Menschen gearbeitet, die jetzt in der Sechsten Klinik in Moskau starben. Ich trat in den Raum der Reservewarte ein, deren Fenster auf die Trümmer hinausgingen. 500 Röntgen pro Stunde. Zurück! Ich trat in die Blockwarte vier. Am Eingang betrug die Aktivität 15 Röntgen pro Stunde, am Arbeitsplatz des Reaktoroperators Toptunow 10 Röntgen. Auf den Steuerstabstellungsanzeigen waren die Zeiger auf 2 bis 2,5 Metern stehengeblieben. Wenn man nach rechts ging, stieg die Aktivität an. In der rechten Ecke der Blockwarte betrug sie 50 bis 70 Röntgen. Ich sprang aus der Blockwarte heraus und rannte zurück in Richtung Block eins."194

  1. Die LiquidationGanz nach oben !

In der Ukraine gibt es ein Märchen von einer Hexe. Diese Hexe heißt Baba Jara. Sie wohnt mitten im Sumpf, tief im Wald in einem Hexenhaus, das auf Hühnerbeinen steht. Sie lockt und holt sich die verirrten Frauen, Männer und Kinder und verschlingt sie grausam. Im ukrainischen Sommer des Jahres 1986 waren viele Menschen davon überzeugt, dass die Baba Jara ihre Ehemänner, Väter und Söhne geholt hat, die in Tschernobyl die Folgen des Reaktorunglücks liquidieren sollten - das Kernkraftwerk liegt am Rande eines stark bewaldeten Sumpfgebiets. Andere Augenzeugen, die es in jenen Monaten nach Tschernobyl verschlagen hatte, bauten eine ganz eigenartige Beziehung zu ihrem Reaktor auf. Erschreckend zynisch sprachen nicht wenige über den Reaktor wie über einen Freund - sie hatten sich in ihr Schicksal ergeben, das sie an diesem Ort zusammengeführt hatte. Der vierte Block wurde auch mit Aitmatows Richtplatz verglichen. Wenn man den Augenzeugenberichten Glauben schenkt, muß dort eine merkwürdige Mischung aus Euphorie und Furcht vorgeherrscht haben. Der russische Regisseur Alexander Titschkow, der in Tschernobyl einen Dokumentarfilm drehte, war von diesem Ort so fasziniert, dass er immer wieder zurückkehrte. "Als wir den Reaktor zum ersten Mal sahen, konnten wir den Blick nicht abwenden. Es erschien uns, als starre uns ein bedrohliches, intelligentes Lebewesen an. Ein Lebewesen, das tötet, ohne sich zu bewegen."

Der Sommer der Liquidation war ein unwahrscheinlich heißer Sommer, in dem die Sonne unbarmherzig von einem wolkenlosen Himmel herunterbrannte. Aber das war kein Gottes-, sondern Menschenwerk. Flieger vernichteten nach chemischen Spezialverfahren gnadenlos jede Wolke im KKW-Bereich.195 Es waren ungefähr 800.000 Liquidatoren im Einsatz, ihre genaue Zahl wurde nicht erfaßt. Sie arbeiteten im vierten Block, um eine größere Katastrophe zu verhindern, desaktivierten das Kraftwerksgelände, erbauten den Sarkophag und zogen durch die 30-Kilometer-Zone, um Bäume zu fällen, umherstreunende Tiere zu töten und staubige Flächen zu versiegeln. Exemplarisch sollen hier die Berichte einiger Liquidatoren vorgestellt werden. Ihr Schicksal nach ihrer Arbeit in Tschernobyl ist oft unbekannt.

Zehn Tage nach der Explosion kam es am Reaktor zu einer kritischen Situation. In einem Behälter unterhalb des Reaktors befand sich noch Wasser. Wenn das Betonfundament nachgegeben hätte, hätte das zu einer Wasserstoffexplosion mit immensen radioaktiven Emissionen geführt. Der Hauptmann Nikolai Akimow berichtet: "Wir mußten in einer Zone sehr starker Strahlung arbeiten. Als wir nach Freiwilligen fragten, ist der ganze Personalbestand vorgetreten. Acht Mann haben wir ausgewählt. Wir legten eine Rohrleitung in das Reservoir und pumpten das Wasser ab. Aber ein Kettenfahrzeug fuhr über die Rohre und drückte sie zusammen - direkt in einer Zone höchster Strahlung. Was half's! Wir legten die Schutzanzüge an und sind wieder hin. Das Wasser spritzte nur so aus den Rohren, es war radioaktiv. Als wir dort hinkamen, schlugen unsere Dosimeter aus. Ich will es nicht verheimlichen: wir hatten Angst. Trotzdem hat jeder Soldat seine Aufgaben erfüllt.
Auch die Technik hatte ihre Tücken. Die Pumpstation stand in einem geschlossenen Raum mit sehr hohem Strahlungspegel. Man konnte sich dort praktisch nicht aufhalten. Aber der Motor bekam zuwenig Luft und ging immer wieder aus. Deshalb mußten wir alle 30 Minuten da hinein, den Raum lüften und den Motor wieder anwerfen. Wir wußten, was passiert, wenn die glühende Masse des Reaktors in das Wasser fällt. Wir handelten völlig bewußt, wußten auch, was wir riskierten. Später hieß es auf einmal, wir wären Helden, aber ich meine, daß alle, die in Tschernobyl arbeiteten, taten, was getan werden mußte. Wenn wir nicht gegangen wären, wären andere an unserer Stelle gewesen. Wir waren Fachleute und sind dort einfach hinein gegangen."196
Die Männer schafften es, die Explosionsgefahr zu beseitigen.

Ein anderer Liquidator, Juri Andrejew, hat folgendes erlebt: "Als ich 28. Mai auf das Kraftwerksgelände kam, sah ich zuallererst einen Hund, der an Block 1 vorbeilief. Ein schwarzer Hund. Er taumelte, es schüttelte ihn, er hatte schon kahle Stellen. Anscheinend hatte es ihn mächtig erwischt.
Unsere Aufgabe war es, die strahlenden Trümmer vom Dach zu räumen. Zur Erkundung stieg ich auf das Dach von Block 2. Man hatte mir gesagt, dass dort schon Dosimetristen gewesen waren. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, als ich auf das Dach trat. Vor mir hing ein riesiges Spinnennetz. Ich begriff, hier war noch niemand. Auf was konnte ich dort stoßen? Zum Beispiel auf Strahlungsquellen, von denen eine starke, gerichtete Strahlung ausgeht. Wenn davon ein Nervenknoten getroffen wird, kannst du das Bewußtsein verlieren.
Um das Dach zu säubern, benötigten wir exakte Daten. Aber welches Recht hatte ich, Untergebene dort hinauf zu schicken, wenn ich nicht selber dort gewesen bin? Am 1. Juli bin ich dann zum ersten Mal auf das Dach von Block 3 gestiegen, dort, wo es an den 4. Block grenzt. Die Strahlung war dort oben sehr ungleich verteilt. Dem Dosimeter habe ich mein Leben anvertraut. Zur Sicherheit hatte ich immer zwei dabei. Auf einmal spürte ich, an dieser Stelle kannst Du nicht bleiben. Ich sprang weiter und bemerkte, dass unter der Platte, auf die ich getreten war, ein Stück Brennelement lag. Wäre ich auf so ein heißes Brennelement getreten, ich hätte keine Füße mehr. Ich ging weiter und spürte, hinter mir war etwas. Ich drehte mich um und sah ein Graphitstück, das wie ein Pferdekopf aussah. Es war schon ziemlich schwierig dort oben. Beta-Verbrennungen, die ganze Zeit war einem die Kehle zugeschnürt. Wenn du da stehst und dich der Strahlung aussetzt, weißt du, was gerade in deinem Organismus vorgeht, dass die Strahlung in diesem Moment deinen genetischen Apparat zerstört. Dort oben kämpftst du deinen eigenen Krieg gegen die Strahlung. Du weißt: du hast soundso viel abgekriegt, hättest aber noch viel mehr abbekommen können, wenn du dich dämlicher angestellt hättest. Dieses Empfinden ist sehr stark, dass du diesen Krieg gewinnen wirst, die Natur überlisten kannst. Und du hast ein Begreifen, dass du an der schmerzhaftesten Stelle des Planeten wenigstens ein bißchen was vorwärts bewegt hast.
In Tschernobyl habe ich ein Gefühl der Brüderlichkeit gefunden. Wir nannten uns Stalker, [Filmtitel von Tarkowski; M.H.] und niemand kann uns mehr entzweien. Wir sind zusammen durch Dinge gegangen..."197

Aber auch mutige Journalisten versuchten, trotz strenger Zensur über die Liquidation zu berichten. Juri Koljada war der erste Fernsehkameramann der Welt, der den geborstenen Reaktor aufnahm. Sein Drehalltag in Tschernobyl: "Bei der Anfahrt zum vierten Block sahen wir dort Soldaten arbeiten, die einen schrecklichen Staub aufwirbelten. Sie trugen nur Schutzmasken und arbeiteten mit primitivsten Mitteln, Schaufeln, Eimern und dergleichen. Paschka, der Sprecher, nahm kurz seine Schutzmaske ab und sagte zwei, drei Worte, während hinter ihm die Soldaten arbeiteten. Diese Bilder wurden allerdings niemals gesendet - weil wir den Atemschutz abgelegt und damit gegen die Vorschriften verstoßen hatten.
Wir näherten uns danach dem Reaktor bis auf hundert Meter. Man erklärte uns, jeder Schritt weiter kostet 100 Röntgen, aber wir haben dieses Bild der Zerstörung trotzdem gefilmt. Auch das wurde nicht gezeigt. Ein hohes Tier bei der Zensur hatte entschieden, dass die Zuschauer solche emotionalen Dinge nicht brauchen. Später zeigten sie dann doch diese Aufnahmen, allerdings unter dem Namen eines Journalisten, der nie und nimmer in Tschernobyl gewesen ist."198

Die Berichte über die Arbeit der Liquidatoren wirken verstörend. Die Gesichter der sogenannten Bio-Roboter waren rotgebrannt vom nuklearen Sonnenbrand. Auf ihre Gesundheit wurde keine Rücksicht genommen. Kommentar des Akademiemitglieds Alexandrow: "Man nimmt keinerlei Rücksicht. Das fällt alles auf mich zurück."199 Soldaten saßen in unmittelbarer Nähe der Ruine des vierten Blocks auf dem Boden, tranken Wodka und sonnten ihre nackten Oberkörper. "Die Jugend glaubt nicht an den Tod, in dem Alter ist man unsterblich. Ich bat sie, sich wenigstens anzuziehen. Ein Soldat lächelte entschuldigend und rief: 'Wir machen doch gar nichts, wir sonnen uns nur.'"

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Vom Hubschrauber aus sah ein Liquidator eine Reihe von Rehen, Wildschweinen, die sich im Zeitlupentempo am Reaktor entlangbewegten. Sie waren mager und träge und hielten an, um zu grasen.201 Die Menschen hatte man fortgeschafft. Und die Tiere? Verstörend..
Ein anderer Liquidator traute sich nicht, seinen Eltern zu sagen, dass er in Tschernobyl gewesen war. Sein Bruder kaufte jedoch zufällig die Iswestija und fand dort ein Foto von ihm. Er zeigte es der Mutter: "Hier, sieh mal, mein Bruder ist ein Held!" Die Mutter weinte.202
Die Liquidatoren mußten zu Beginn ihres Einsatzes unterschreiben, dass sie Stillschweigen bewahren würden.203 Weshalb? Schämten sich die für die Katastrophe Verantwortlichen, dass die Heldentaten dieser mutigen Männer bekannt werden könnten? Beschämend.

Die Liquidatoren wurden in Kantinen verpflegt. Juri Stscherbak war dort: "Dort saßen sie alle. Die schwarze Einheitlichkeit der Menschen in ihren Kitteln und Overalls, Wattejacken und Spezialanzügen, mit ihren Kappen und Hauben, ihr einheitliches Schwarz, konnte einen schon erschüttern. Auch ihre Gesichter schienen einheitlich grau vor Erschöpfung."204
Aber es gab in der Todeszone auch romantische Begebenheiten. Stscherbak begegnete dort auch verliebten Pärchen. "Es wird interessant sein, vom Schicksal der dort zustandegekommenen Tschernobyl-Familien zu erfahren, vom Schicksal ihrer Kinder. Interessant nicht nur für Genetiker."205

Althergebrachte Werte und Normen wurden in jenen schicksalhaften Tagen von Tschernobyl über Bord geworfen. Medwedew hörte ein Gespräch mit an, das mit dem Satz: "Hier zählen die Menschenleben" endete. Er empfand Respekt. Später erfuhr er, dass dieser Satz in jenen Tagen eine neue Bedeutung bekommen hatte. Auf den Sitzungen der Regierungskommission, bei denen es um die Lösung von bestimmten Aufgaben in Zonen erhöhter Radioaktivität ging, hieß es: "Dafür müssen wir zwei bis drei Menschenleben einplanen, hierfür ein weiteres."206 Entsetzlich.

Wir dürfen nicht vergessen, um welchen Preis die Liquidation des Unfalls vonstatten gegangen ist.
Zum Schluß dieses Kapitels noch das Fazit eines unbekannten Liquidators: "Wir haben nicht alles begriffen, aber alles gesehen..."207

  1. In der Klinik Nr. 6Ganz nach oben !

Ungefähr zwölf Stunden nach dem Unfall wurden die am schwersten verstrahlten Personen vom Pripjater Krankenhaus in die Moskauer Klinik Nr. 6 verlegt. Unter ihnen waren Feuerwehrleute (Wastschuk, Ignatenko, Prawik, Kibjonok, Titjonok, Tistschura), Kraftwerksarbeiter (unter anderem Akimow, Toptunow, Proskurjakow, Kudrjawzew, Smagin, Sitnikow) sowie der Arzt Walentin Bjelokon. Ihre Krankenstation in Moskau war hermetisch abgeschirmt. Dennoch gelang es einigen Menschen, zu den Kranken vorzudringen und von ihrem Überlebenskampf zu berichten. Trotz der Hilfe des amerikanischen Arztes Robert Gale, dessen Spezialgebiet die Übertragung von Knochenmark ist, verstarben beinahe alle Patienten. Auch die erfahrensten ärzte mit den modernsten Behandlungsmethoden standen den Auswirkungen der massiven Verstrahlungen, die sich ihre Patienten am Block 4 geholt hatten, machtlos gegenüber. So erzählen die Augenzeugenberichte aus der Klinik nicht nur von einem verzweifelten Ringen mit dem Tod, sondern auch von dem unausweichlichen, langsamen Sterben der ersten Helden von Tschernobyl.
Grigori Medwedew erlebte das alles hautnah. Er war in der Klinik und brachte seine Erinnerungen zu Papier: "Ich sah Wladimir Prawik. Seine ganze Körperoberfläche war durch die Einwirkung der Strahlung und der Hitze offen. Furchtbare innere und äußere Schwellungen. Lippen, Rachen, Zunge und Speiseröhre waren betroffen. Das Schlimme ist, dass man den Schmerz kaum betäuben kann, obwohl diese Männer doch schon soviel gelitten haben, denn der nukleare Schmerz ist etwas Besonderes, er ist unerträglich und erbarmungslos. Er geht bis zur Bewußtlosigkeit. Der Körper dieses heldenhaften Feuerwehrmanns wurde vom Schmerz ausgehöhlt. Prawik und seine Kollegen unterzog man einer Knochenmarkstransplantation. Aber der Tod ließ nicht mit sich handeln. Wolodja Prawik machte alles durch: das Darmsyndrom, den Haarausfall und die Stomatitis mit starken Schwellungen und dem Abblättern der Mundschleimhaut. Aber er ertrug stoisch alle Schmerzen und Qualen. Und er hätte tatsächlich überlebt, wenn seine Haut nicht vollständig verbrannt gewesen wäre.
Man möchte annehmen, dass ein Mensch in diesem Zustand nicht an das Schicksal anderer denken kann. Aber nicht so Prawik. Solange er noch sprechen konnte, fragte er die ärzte und Schwestern, wie es seinen Kameraden geht. Er wollte, dass sie kämpften, dass ihr Mut auch ihm helfe. Und dann kam der Tag, an dem klar wurde: es ist alles getan, was in der Macht der modernen Medizin steht. Die ärzte konnten im Kampf mit der schweren Strahlenkrankheit nicht einmal mehr Prawiks Blutzellen zum Wachstum anregen, da dafür lebende Haut notwendig war, von der Prawik kein Stückchen mehr besaß. Sie war durch die Strahlung vollständig zerstört worden. Die Strahlung hatte auch die Speicheldrüsen vernichtet. Der Mund trocknete aus wie die Erde bei Dürre, und bald konnte Prawik nicht mehr sprechen. Er schaute nur umher mit seinen ausdrucksvollen Augen, in denen die Flamme des Protests brannte, der Wille, dem Tod zu trotzen. Doch dann wurden seine inneren Widerstandskräfte immer schwächer. Er begann zu sterben, verdorrte. Er schmolz dahin und verschwand. Von Stunde zu Stunde wurde er kleiner, immer kleiner. Selbst der Tod wird unmenschlich in diesem verfluchten nuklearen Zeitalter. Die Toten, geschwärzte verdorrte Mumien, sind dann leicht wie Kinder."208

Die Frau von Sascha Akimow, dem Operator, der das verhängnisvolle Experiment durchgeführt hatte, erinnert sich: "Ich war am Tag vor seinem Tod bei meinem Sascha. Er konnte schon nicht mehr sprechen, aber seine Augen verrieten, wie er litt. Er dachte an diese verfluchte, unheilvolle Nacht und spielte alles wieder und wieder durch.
Er wußte, dass er sterben mußte. Kurz vor seinem Tod begann er, schwarz zu werden. Es sah aus, als wäre er verkohlt. Er starb mit offenen Augen."209

Man kann sich kaum vorstellen, welche Schmerzen diese Männer durchlitten, bis sie schließlich starben. Sie bezahlten den Preis für ihren Einsatz und bekamen doch kaum einen Dank dafür. Ebenso tragisch wie ihr Tod war auch das Schicksal ihrer nächsten Angehörigen. Diese Männer standen in der Blüte ihres Lebens und ließen ihre noch jungen Familien allein zurück. Viele von ihnen hatten Kinder oder schwangere Frauen. Auch das ist ein Teil der Katastrophe von Tschernobyl, und obwohl nur ihre Männer und Väter am vierten Block gewesen waren, wurden auch die Frauen und Kinder zu Tschernobyl-Opfern. Stellvertretend für sie erzählt Ljudmila Ignatenko, die Ehefrau des umgekommenen Feuerwehrmannes Wassili Ignatenko, ihre Geschichte:
"Wir hatten kurz zuvor geheiratet. Ich sagte zu ihm: 'Ich liebe Dich.' Aber ich wußte noch nicht, wie sehr. Mitten in dieser verteufelten Nacht hörte ich plötzlich Lärm. Ich schaute aus dem Fenster. Unten lief Wassili. Er sah mich und rief: 'Im Kraftwerk ist Feuer. Ich bin bald zurück.' Man hatte ihnen nichts gesagt, sie waren zu einem normalen Feuerwehreinsatz gerufen worden. Aber mein Wassili kam nicht zurück. Als ich erfuhr, dass sie ihn nach Moskau verlegt hatten, fuhr ich sofort hin. Ich fand ihn in seinem Krankenzimmer. Er lächelte und sagte: 'Ich hatte dir doch versprochen, dass ich dir Moskau zeigen werde. Und ich hatte versprochen, dir ein Leben lang Blumen zu schenken.' Und er holte unter seinem Kissen drei Nelken hervor, die eine Schwester für ihn besorgt hatte. Ich lief zu ihm und küßte ihn, doch jemand ermahnte mich: 'Sie dürfen nicht vergessen: vor Ihnen liegt nicht mehr Ihr Mann, sondern ein hochgradig radioaktiv verseuchtes Objekt.'
Dennoch pflegte ich ihn rund um die Uhr. Ich schlief nur, wenn mich meine Beine nicht mehr tragen konnten, und es tat mir leid um jede Minute, die ich nicht mehr bei ihm sein konnte. Die Schwestern warnten mich: 'Du sitzt neben einem Reaktor.' Ich war im sechsten Monat schwanger, aber das verriet ich ihnen nicht. Hätten sie es erfahren, hätte ich nicht mehr zu ihm gedurft, zu meinem Wassja.
Als Kibjonok starb, bat mich seine Frau Tanja - wir waren befreundet - , sie zu seiner Beerdigung zu begleiten. Als ich vom Friedhof zurückkam, sagte mir eine Schwester, dass Wassili eine Viertelstunde zuvor gestorben war. Und ich war doch nur für drei Stunden weg gewesen! Ich erfuhr , dass er, bevor er starb, immerzu meinen Namen genannt hatte. Und ich war fort gewesen.
Danach träumte ich oft von meinem Wassja, wie er nach Natascha ruft, unserem Mädchen, das noch nicht geboren war. Er wirft sie hoch, und sie lachen. Ich schaue ihnen zu und denke, dass Glück so einfach ist. Ich denke, Wassja wollte mich wohl trösten, dass ich nicht weinen soll, wollte mir ein Zeichen geben. Von dort, von dort oben.
Natascha starb schon vier Stunden nach ihrer Geburt an einer Leberzirrhose. In ihrer Leben waren 28 Röntgen gewesen, dazu ein angeborener Herzfehler. Sie brachten mir unser kleines Mädchen - in einer kleinen Holzkiste. Ich sah hinein, sie war ganz und gar eingewickelt. Da habe ich geweint. Ich wollte, dass sie sie zu seinen Füßen begraben, auf dem Mitinsker Friedhof. Auf dem Grabstein steht nicht Natascha Ignatenko. Da ist nur sein Name. Sie hatte ja noch keinen Namen. Ich sagte ihm, dass es unsere Natascha ist. Seitdem gehe ich immer mit zwei Sträußen zum Friedhof, einen für ihn, und einen für sie.
Ich hatte keinen Lebenswillen mehr. Nachts schaute ich zum Himmel hoch und dachte an Wassja und Natascha. Manchmal höre ich seine Stimme, ganz lebendig. Aber er ruft mich nie, auch nicht im Schlaf. Nur ich rufe ihn immer...210

  1. Der Mitinsker FriedhofGanz nach oben !

Weit entfernt von Tschernobyl, auf einem kleinen Friedhof außerhalb von Moskau, liegt ein Teil der Geschichte dieser Tragödie begraben. Wenn es jemals eine Pilgerstätte für die Opfer der Katastrophe gab, dann ist sie dort, denn auf dem Friedhof von Mitinsk liegen die Leichen der Menschen begraben, die in den Wochen nach der Katastrophe in der Moskauer Klinik Nr. 6 ihren schweren Verstrahlungen erlagen. Es ist ein unauffälliger Ort. Keine Gedenkstätte, keine Inschrift erinnert an das, was die Menschen verband, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben. Seite an Seite, wie sie in jener Nacht gegen die Atomkatastrophe gekämpft hatten, liegen sie nun an diesem traurigen Ort.
Unweit vom Eingang, von der Hauptallee aus links, stehen mehrere Reihen gleicher Gräber, weiße Marmortafeln mit goldenen Aufschriften. Die Geburtsdaten sind verschieden, die Todesdaten liegen fast ausnahmslos im Mai 1986. Hier liegen die Helden und die Opfer von Tschernobyl, möglich, dass unter ihnen auch die Schuldigen von Tschernobyl sind. Aber wer vermag diese schwierige, quälende Frage schon zu beantworten im Angesicht ihrer Grabsteine? Der Tod hat sie alle gleichgemacht und uns Lebenden das Recht auf nur ein einziges Gefühl gegeben: auf Trauer um den Verlust dieser jungen Menschenleben.211
Der Friedhof, heute ein Ort des ewigen Friedens, war damals Schmelztiegel des Schmerzes und der Trauer, Sinnbild für die Unbeherrschbarkeit des friedlichen Atoms und den Mut, der in manchen von uns steckt, oft tief verborgen, bis man schließlich im Angesicht der Gefahr über sich hinauswächst. Der russische Liedermacher Wladimir Wissotzki hat in einem seiner gefühlvollen Lieder gefragt: "Wie kann ein Mensch sich bewähren, da ruht des Krieges Geschrei?"212 Die Menschen von Mitinsk haben diese Frage eindrucksvoll beantwortet.
Ihre Särge wurden innen mit bleihaltiger Plastikfolie abgedeckt, über dem Sarg anderthalb Meter Betonplatten, mit Bleiverkleidung. Aber ihre letzte Ruhe wurde gestört. Leonid Toptunows Vater stand in diesen Wochen oft am Grab seines einzigen Sohnes und weinte. Viele Leute gingen an ihm vorbei, manche riefen: "Dein Hundesohn hat das Kraftwerk in die Luft gesprengt."213 Wie schwer müssen jene Wochen für diesen Mann gewesen sein, der zuerst seinen Sohn einen qualvollen Tod sterben sah und danach an dessen Grab miterleben mußte, wie Leonids Andenken beschmutzt wurde?
Grigori Medwedew besuchte den Friedhof am ersten Jahrestag der Katastrophe. Er beschreibt, wie er von der Metrostation Planernaja aus noch zwanzig Minuten mit dem Bus zum Dorf Mitinsk fuhr und dort die Totenstätte aufsuchte: "Die Gräber der Feuerwehrleute, es sind sechs, versanken in Blumen und Kränzen mit Aufschriften von Verwandten und Kollegen. Die Feuerwehrleute des Landes gedachten ihrer Helden. Die Gräber der Operatoren trugen weniger Blumen und überhaupt keine Kränze. Dennoch sind auch sie Helden, denn sie taten alles, was in ihren Kräften stand. Sie zeigten Mut und Tapferkeit und gaben ihr Leben.
Auf den Stelen der Feuerwehrleute waren goldene Sterne graviert. Über den Gräbern der Operatoren gab es keine Unterscheidungsmerkmale. Auch ihre Fotografien waren verschwunden. Nur das Grab von Leonid Toptunow trug noch ein Bild. Er war noch ein Junge gewesen, mit rundem Gesicht und vollen Wangen. Sein Vater hatte an seinem Grab eine hübsche, kleine Bank aufgestellt. Sein Grab schien mir das Gepflegteste von allen zu sein.
Ich dachte an die Toten, wie sie in ihren Zinksärgen liegen. Auf diese Weise kann nicht einmal die Erde ihr notwendiges Werk tun- die sterblichen Überreste der Toten in Staub zu verwandeln.
Selbst den Tod hat der nukleare Teufel entstellt."214

  1. Die TodeszoneGanz nach oben !

Die Region an der Grenze zwischen der Ukraine tscherno12 und Weißrußland zählt zu den schönsten Gegenden Europas. Entlang des sich langsam durch das weite Land wälzenden Flusses Pripjat wachsen riesige Waldgebiete in den Himmel, an manchen Stellen durchzogen von geheimnisvollen Sümpfen. Das milde Klima und die unberührte Natur haben diesen Flecken Erde zu einem beliebten Naherholungsgebiet für die Einwohner der Stadt Kiew gemacht, die rund 100 Kilometer weiter im Süden liegt. Der Pripjat ist ein fischreicher Fluß, an manchen Stellen gibt es sogar feine, weiße Sandstrände - ein Paradies für Sonnenhungrige und Angler. Genau in das Herz dieses Paradieses wurde das Atomkraftwerk von Tschernobyl gesetzt. Am 26. April 1986 wurde das Paradies zur Hölle, und die Menschen flohen aus diesem Garten Eden.
Heute nennt sich dieses Gebiet offiziell Verbotene Zone, im Volksmund Todeszone oder schlicht und einfach Die Zone genannt. In einem Radius von 30 Kilometern um das Kraftwerk wurde ein Zaun gezogen, der von Milizeinheiten ständig bewacht wird. Dieser Kontrollpunkt erinnert an eine Grenze zweier Staaten, doch ist es nur die Grenze zur 'Zone'. Hinter dem Schlagbaum beginnt eine neue Welt, eine beinahe surreale Insel, in der die Natur sich den wenigen Besuchern in einem bizarren Gleichklang von ursprünglicher, freier Tierwelt (für die Tiere ist diese Zone ohne Menschen ein Paradies!) und einer verkrüppelten, mutierten Pflanzenwelt präsentiert. Es gibt aber noch eine weitere Zone, die 10-Kilometer-Zone. Sie wird noch strenger überwacht. In ihr liegt die verlassene Totenstadt Pripjat. Obwohl die 30-Kilometer-Zone nach der Katastrophe evakuiert und gesperrt wurde, sind mittlerweile wieder Menschen zurückgekehrt, in erster Linie Alte, die hier ihr ganzes Leben verbracht haben und nun auf ihrer Heimaterde sterben wollen. Die Zone wurde aber auch von Banditen heimgesucht, die die aufgegebenen Häuser ausplünderten und ihre radioaktive Beute auf den Märkten außerhalb der Zone verkauften.
Es sind nur wenige Reiseberichte aus der Zone zu finden. Einer stammt von Juri Stscherbak, vom ersten Jahrestag der Havarie. "Ich bin mit der Stadtarchitektin Maria Prozenko nach Pripjat gefahren. Maria, die eine Menge Kraft und Talent in die Ausgestaltung ihrer Heimatstadt eingebracht hatte, mußte später eigenhändig den Plan der Stacheldrahtabsperrungen für die Stadt Pripjat zeichnen. Während sie Papiere holte, setzte ich mich ins Auto und schaltete das Dosimeter ein. Augenblicklich stimmte es sein unerbittliches Lied von der Strahlung an. Mich erinnerte die Stadt an einen öffentlich aufgebahrten Verstorbenen, der im ewigen Schlaf seinen Frieden gefunden hat."215
So wie die Zone muß die Hölle aussehen. Eine von brodelndem Flammen und feuerspeienden Vulkanen bedeckte Unterwelt ist keine wirklich schreckliche Welt. tscherno14 Schrecklich ist vielmehr ein Paradies wie die Pripjat-Ebene, deren Schönheit nun jedoch kein Mensch mehr genießen kann, will er dieses Vergnügen nicht mit dem Leben bezahlen. Ihre Schönheit ist nun unberührbar, und der Mensch hat sich selbst aus dieser Oase vertrieben, so unsinnig und so endgültig. Untersuchungen haben ergeben, dass man in Pripjat irgendwann vielleicht wieder leben kann. Wissenschaftler sprechen von 100.000 Jahren. Vor 30.000 Jahren hat der Mensch gelernt, mit Steinwerkzeugen umzugehen, und womöglich hat er sogar schon vom Gebrauch des Feuers gewußt. So gigantisch sind die Dimensionen, in denen die Menschheit im Zusammenhang mit den Folgen von Tschernobyl denken muß.
Es gibt eine aufwühlende Erinnerung zum Thema Tschernobyl. Ein Mann aus Pripjat, aufgewachsen in der heutigen Zone und damals im Kraftwerk beschäftigt, erzählt: "In unserer Gegend lebten alte Frauen, die sagten: 'Es wird eine Zeit kommen, da wird es grün sein, aber nicht schön.' Und: 'Es wird eine Zeit kommen, da wird alles sein, aber es werden keine Menschen sein.'"216
Die Kürze dieser Prophezeiungen wirkt verstörend, zumal sich ihr Geheimnis mittlerweile gelüftet hat. Ihre mystischen Andeutungen stimmen genau mit dem überein, was man heute Die Zone nennt.
Nachdem Juri Stscherbak in den Monaten nach der Katastrophe oft in Tschernobyl gewesen war, nahm er seine unmittelbare Umgebung außerhalb der Zone ganz anders wahr, viel bewußter. Das, was er in Tschernobyl gesehen hatte, veränderte seinen Blickwinkel auf alles, was ihn umgab. In Kiew beobachtete er Kinder, die, wie es immer ist, begannen, das unbegreifliche Tun der Erwachsenen nachzuahmen. Sie liefen mit einem Stock in der Hand durch das Gebüsch, als kontrollierten sie mit einem Dosimeter den Strahlungspegel. Ihr Spiel hieß: Strahlung.217
tscherno13 Er begann auch, nach kleinen Geschichten zu suchen, die von dem Atomunfall handeln. Im Jahre 1988 wurde er fündig. Ein weißrussischer Schriftsteller hatte eine Erzählung mit dem Namen Die Löwen veröffentlicht. Der Held der Erzählung, ein naiver Dorfköter, berichtet, wie über dem Dorf eine gelbbraune Wolke hing, die nach Jod roch, und die Menschen, gräßliche Maulkörbe vorm Gesicht, die unschuldigen Dorfhunde erschlugen. Und die Hunde waren kahl und hatten ähnlichkeit mit Löwen.218
Als Symbol jener absurden Welt hängt in Stscherbaks Garage noch heute eine weiße Kombination, die man ihm in Tschernobyl geschenkt hatte. Nach den Vorschriften müßte er sie aussondern, da er sie in der Zone getragen hat, aber er kann es nicht. Sie ist für ihn eine wertvolle Erinnerung und ernste Mahnung zugleich. Wenn er abends mit eingeschalteten Scheinwerfern in die Garage einfährt, erscheint vor ihm ein blendend weißes Gespenst - das Gespenst von Tschernobyl.
Nach seinen Erfahrungen in Tschernobyl hat Stscherbak eine völlig neue Einstellung zum Thema Glück gefunden. Für ihn ist Glück Gras, in das man sich legen kann, ohne die Strahlung fürchten zu müssen. Glück ist auch ein warmer Fluß, in dem man baden kann, und Kühe, deren Milch man unbedenklich trinken kann. Glück ist ein ruhiges Provinzstädtchen, das sein gemächliches Leben lebt, und in dem die Menschen Bekanntschaften knüpfen können.219
Für viele Menschen ist dieses Glück durch Tschernobyl unwiederbringlich verloren gegangen, für andere war die Zeit nach Tschernobyl Anlass, sich auf diese elementaren Werte des Lebens zurückzubesinnen. Dabei dürfen wir niemals außer Acht lassen, dass Tschernobyl nicht nur ein gigantisches Reaktorunglück, sondern auch eine nicht endende menschliche Tragödie war und ist. Ein solches Unglück darf sich niemals wiederholen. Diese Mahnung wird immer das bleibende Vermächtnis dieser Katastrophe sein, neben dem Andenken an die Menschen, die ihr Leben gaben, um so viele andere zu retten.

5. Vorläufige Opferbilanz von Tschernobyl: Konsequenzen eines UnfallsIndex7. Fussnotenübersicht

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