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Chronik einer technischen und menschlichen Katastrophe

4. Die Katastrophe von Tschernobyl: Unfall und UnfallhergangIndex6. Leben nach Tschernobyl

  1. Vorläufige Opferbilanz von Tschernobyl: Konsequenzen eines Unfalls

"Tschernobyl ist ein Vorkommnis ohne Beispiel in der Weltgeschichte, mit ihm ist keine der bislang bekannten Katastrophen zu vergleichen. Weder der Untergang der Titanic oder Admiral Nachimow, noch Flugzeugabstürze, noch Grubenunglücke, so schwere Opfer sie auch gefordert haben mögen, lassen sich mit dem vergleichen, ws in Tschernobyl geschehen ist. Dieser Stern mit dem Namen Wermut wurde uns gleichsam aus der Zukunft, aus dem 21. Jahrhundert gesandt: als drohende Mahnung, nicht zu vergessen, nachzusinnen über den gesamten Gang der Zivilisation, die notwendigen Schlüsse zu ziehen, solange es nicht zu spät ist."
Juri Stscherbak166

Über die Zahl der Todesopfer gibt es keine eindeutige Angaben. Die von der Sowjetunion herausgegebene offizielle Todeszahl von Tschernobyl beträgt 31. Dazu gehören Feuerwehrleute und Mitglieder der Betriebsmannschaft des Kernkraftwerks, die kurz nach dem Unfall an akutem Strahlensyndrom gestorben sind.167
Tschernobyl ist eine Katastrophe, die niemals endet. Jeden Tag können weitere Tschernobyl-Opfer zu beklagen sein. Dabei kann es sich etwa um Kinder von Liquidatoren oder um Menschen, die in verstrahlten Gebieten leben, handeln. So sind etwa unter den zwei Millionen relativ stark bestrahlten Kindern bis 1996 rund achthundert Fälle von Schilddrüsenkrebs festgestellt wurden. Zusätzliche Todesfälle sind daher zu befürchten.168 Weitere Todesfälle sind offensichtlich: so nannte 1995 der ukrainische Gesundheitsminister 125 000 Personen, die in dem von der Strahlung betroffenen Gebiet seit 1986 verstorben seien.169 Es ist schwierig, eindeutige Zusammenhänge zwischen Erkrankungen und Strahlenbelastung herzustellen. Als Tschernobyl-Opfer werden nur Menschen in den offiziellen Statistiken geführt, die in der unmittelbaren Zeit nach dem Unfall an dem akuten Strahlensyndrom gestorben sind. Es ist nicht eindeutig nachzuweisen, dass etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch Schwächungen des Immunsystems (sogenanntes Tschernobyl-Aids) direkt auf die Einwirkungen radioaktiver Strahlung zurückzuführen sind. Bei Liquidatoren und betroffenen Menschen aus der Umgebung sind solche Krankheiten, aber auch Infektionskrankheiten nach Tschernobyl sehr stark angestiegen. Auch diesbezügliche amtliche Angaben sprechen hier bereits von 10 000 Toten !170 Dort können Parallelen vermutet werden. Ein weiterer Aspekt: viele Liquidatoren erkrankten nach ihrer Arbeit in Tschernobyl und wurden zu Invaliden. Aufgrund ihrer Leiden und ihrer Erlebnisse begannen viele von ihnen, unter Depressionen zu leiden. Nicht wenige begingen Selbstmord. Sind das auch Tschernobyl-Opfer ? Da ein Zusammenhang zur Atomkatastrophe von Tschernobyl hier nur selten wissenschaftlich belegt werden kann, tauchen diese Zahlen in keiner offiziellen Statistik auf. Je nach Standpunkt der Betrachter, reichen die Schätzungen der Totenzahlen von besagten 31 bis hinauf zu 100 000 Toten. Hierzu sei nochmals Zhores Medwedjew zitiert: "Die Zahl der Menschen, die in Zusammenhang mit dem Unfall von Tschernobyl in den nächsten 50 Jahren an Krebs oder anderen Krankheiten sterben könnten, läßt sich durch entsprechende Statistiken nicht korrekt erfassen – auch nicht in den am meisten betroffenen Ländern. Aber Millionen von Menschen, die eine tödliche Krebskrankheit treffen wird, werden davon überzeugt sein, ohne Tschernobyl länger gelebt zu haben."171 Ich schließe mich als Autor dieses Aufsatzes dieser Meinung von Medwedjew voll an und möchte an dieser Stelle Farbe bekennen: Für mich sind die oben genannten Zahlen der offiziellen Statistik eine Verhöhnung der Opfer und eine Verharmlosung der Katastrophe.

tscherno19 Gerechterweise muß ich an dieser Stelle jedoch Brüggemeier konzedieren, dass er die furchtbaren Konsequenzen des atomaren Super-GAUs aufzeigt. So weist er nach, dass aufgrund der Evakuierung und Umsiedlung von mehr als 200 000 Personen, der Errichtung einer Zone von 4300 Quadratkilometern um das Kraftwerk, die nicht betreten werden darf und die sich auf die drei benachbarten Länder Weißrußland, Ukraine und Rußland erstreckt, die Auswirkungen der Katastrophe gravierend sind. Es ist eine Fläche von der Größe des Saarlandes erheblich verstrahlt.172 Zu den Auswirkungen der Tragödie173 zählen mehrere 100 000 Kubikmeter Abfall und belastete Böden; mehr als achthundert Abfallhalden mit radioaktivem Müll und Material aus dem zerstörten Reaktor, deren Standorte vielfach nicht bekannt sind, jedoch das Grundwasser bedrohen. Veränderungen bei Tieren und Pflanzen, die langfristige genetische Veränderungen befürchten lassen.

Zu den Konsequenzen des größten atomaren Unfalls in der Menschheitsgeschichte gehören verstrahlte landwirtschaftliche Produkte und Verbote, Frischmilch, Waldbeeren und Pilze zu verzehren, die noch über Jahrzehnte hohe Belastungen aufweisen werden.174 Dies führt zu einer weiteren Verarmung der Bevölkerung, die auf diese Produkte nicht zurückgreifen kann. Es kann hier nicht ausführlich auf die globalen Auswirkungen des Unglückes näher eingegangen werden.175 Hinzuweisen bleibt jedoch darauf, daß diese globalen Auswirkungen – insbesondere die Belastung der Ukraine, Rußlands und Weißrußlands durch den atomaren Unfall176 gar nicht hoch genug einzuschätzen sind. Hierfür exemplarisch einige wenige Zahlen: Die Explosion des Reaktorkerns in den ersten Stunden des 26. April 1986 setzte nahezu 20 Mio. Curie radioaktiven Materials und mehrere Mio. Curie der Edelgase Xenon-133 und Krypton 85 in die Atmosphäre frei.177 Die internationalen Dimensionen des Unglückes werden auch daran deutlich, wenn man sich vor Augen hält, daß die beiden sich besonders leicht verflüchtigenden Spaltprodukte Jod und Caesium in der ersten Woche tscherno20 nach der Explosion in einer Größenordnung von 50 Millionen Curie bzw. 6 Millionen Curie in die Atmosphäre gelangten. Zum Vergleich: Als 1957 in der Atomanlage von Sellafield in Großbritannien ein Feuer ausbrach, lag die Radioaktivität des freigewordenen Jods bei 80 000 Curie, die des Caesiums bei 20 Curie. Auch die Umweltbelastung durch den beschädigten Reaktor von Three Mile Island in den USA 1979 war vergleichsweise gering: etwa 15 Curie radioaktives Jod gelangten in die Außenluft.178 Schließlich bleibt als bohrende Sorge bestehen, wie lange der Betonmantel um den Reaktor noch hält.179 In der Kombination dieser Faktoren und nicht in der verengten Debatte über Todesfälle, werden die tatsächlichen, für die betroffenen Menschen überaus belastenden Auswirkungen des Reaktorunglücks deutlich. Sie waren einer Gefahr ausgesetzt, die sie selbst nicht beurteilen konnten und die deshalb um so bedrohlicher wirkte. Sie wurden im ungewissen gelassen und oftmals schlicht belogen. Sie wurden aus vertrauten Zusammenhängen herausgerissen und an fremde Orte gebracht, die teilweise ebenfalls durch das Unglück belastet waren. Sie lebten schon vor dem Unglück in armseligen materiellen Verhältnissen, die sich durch das Unglück und den Zusammenbruch der Sowjetunion noch erheblich verschlimmerten. Sie verloren ihre Hoffnung und machten sich große Sorgen um die Zukunft, insbesondere um die ihrer Kinder.180 Auch dieser Feststellung bleibt meiner Meinung nach nichts hinzuzufügen. Abschließend möchte ich am Ende dieser Arbeit eine Äußerung von Alla Jaroshinskaja zitieren, die für mich zum Thema Tschernobyl alles aussagt: "Wir wußten nicht, wahrscheinlich wußte es niemand, daß ein paar Stunden später ganz in der Nähe auf dieser Erde etwas geschehen sollte, das unser Leben ein für allemal verändern, das dieses uralte, schöne Land, den Wald, die Felder und Wiesen verändern würde. Das ganze Leben verändern würde. Von nun an würde das Leben auf dieser Erde nicht mehr nur nach Epochen, Zeitaltern, Kulturen, Religionen und gesellschaftlich-politischen Formationen unterschieden, sondern auch nach dem Leben vor Tschernobyl und danach. Vorher. Und danach. Niemals würde die Erde so sein, wie sie vor dem 26. April 1986 war, um 1 Uhr 24 Minuten".181

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