Warnung - RadioaktivitätTschernobyl-HeadlineWarnung - Radioaktivität

Chronik einer technischen und menschlichen Katastrophe

3. Der Reaktortyp von Tschernobyl:<br>Der RBMK-Reaktor und seine KonstruktionsfehlerIndex5. Vorläufige Opferbilanz von Tschernobyl: Konsequenzen eines Unfalls

  1. Die Katastrophe von Tschernobyl: Unfall und Unfallhergang

"Oh traurig, traurig ist mir! Schweres Dunkel legt sich auf den fernen Westen, das Land heiliger Wunder: Die früheren Leuchten brennen nieder und verblassen!"
Alexej Chomjakov (1804-60)51


"Tschernobyl verschlang alles !"52
Juri Stscherbak

  1. Kurze Geschichte des Kernkraftwerks TschernobylGanz nach oben !

  1. Die Stadt Tschernobyl53Ganz nach oben !

Bereits im 12. Jahrhundert wurde der Ort Tschernobyl in einer Chronik erwähnt. Es liegt am Rande einer riesigen Wald- und Sumpflandschaft, die sich über Teile Weißrußlands und der Ukraine erstreckt, am wasserreichen Fluss Pripjat. Im Laufe der Jahrhunderte wuchs der Ort in dem dünnbesiedelten Gebiet nur langsam, in unserem Jahrhundert hörte das Wachstum auf. Die Stadt hatte 1986 etwa 12500 Einwohner, etwa genausoviel wie zur Jahrhundertwende. Schon daraus läßt sich schließen, daß hier seit 100 Jahren keine großen strukturellen Veränderungen erfolgt sind. Eine starke Industrialisierung hat nicht stattgefunden. Die Bewohner lebten 1986 überwiegend von Landwirtschaft, Gartenbau, Fischfang und von den Produkten des Waldes und deren Verarbeitung. Seit dem Bau des Kiewer Staudammes am Dnepr, durch den der Kiewer Stausee entstand, mündet der Pripjat in diesen See. Tschernobyl liegt nahe der Mündung am nordwestlichen Zipfel dieses Stausees. Der Ort, jahrhundertelang ein ländliches Verwaltungszentrum, mußte diese Rolle vorübergehend an Pripjat, die schnell wachsende Stadt der Kernkraftwerkserbauer und –betreiber abgeben. Das gewaltige Kernkraftwerk, dessen Bau 1971 begann, wurde jedoch nicht nach Pripjat, sondern nach dem alten Tschernobyl benannt. Durch die Katastrophe wurde das gut 10 km vom Kraftwerk entfernt liegende Tschernobyl aber weniger betroffen als das nur 3 km entfernte Pripjat. Aus beiden Orten mußte die Bevölkerung evakuiert werden. Heute belebt sich Tschernobyl wieder und es hat mehr und mehr die Rolle eines Organisations- und Verwaltungszentrums für die 30-km-Zone übernommen.

  1. Die Stadt PripjatGanz nach oben !

Die ersten Seiten der Chronik von Pripjat wurden am 04. Februar 1970 geschrieben, als die Bauarbeiter den ersten Pflock zur Errichtung des neuen Kernkraftwerkes einschlugen. Der Fluß Pripjat, dessen Wasser aus einem Gebiet, welches so groß ist wie der vierte Teil Deutschlands, zusammenfließen und der das weißrussische mit dem ukrainischen Polessjegebiet verbindet, gab der an einem vorher unbesiedelten und damit namenlosen Ort errichteten Stadt seinen Namen. Pripjat war eine junge Stadt. Das Durchschnittsalter der Einwohner betrug 1986 26 Jahre ! In 15 Jahren entstanden hier Wohnungen für fast 50 000 Menschen. Die Stadt sollte auf 80 000 Einwohner wachsen. In dieser wasser- und waldreichen Stadt gab es viele Möglichkeiten zur Erholung. Bis zur Unglücksnacht im Jahre 1986. Für alle Bewohner in dieser Region begann mit dem 26. April jenes Jahres eine neue, bittere Zeitrechnung.

  1. Aufbau und Lage des Kernkraftwerkes TschernobylGanz nach oben !

Die relativ dünne Besiedlung und die Nähe zur ukrainischen Hauptstadt Kiew dürften die wichtigsten Gründe dafür gewesen sein, Anfang der siebziger Jahre den Bau eines großen Kernkraftwerkes nordwestlich von Tschernobyl zu planen. Hinzu kamen die riesigen Wassermengen des Pripjat und des Kiewer Stausees, die gleichzeitig zur Kühlung und zur starken Verdünnung anfallender Abwässer dienen konnten.54 Die Ukrainische Akademie der Wissenschaften hat sich in Gutachten jedoch mehrfach gegen den Bau eines KKW an dieser Stelle ausgesprochen.55 Als Grund hierfür wurden starke geologische Verwerfungen angegeben. Tektonische Bewegungen und das unkontrolierte Eindringen radioaktiven Materials in den Untergrund wurden für möglich gehalten. Außerdem war offensichtlich, dass nach einer Kontamination der Umgebung des Kernkraftwerksgeländes der nächste Regen einen Großteil der Radioaktivität in den Pripjat spülen würde, da das Gelände zum Fluß hin abfällt.56

Die Reaktorblöcke Tschernobyl 1 und 2 entstanden in den siebziger Jahren etwa gleichzeitig mit den Reaktorblöcken Leningrad 1 bis 3 und Kursk 1 und 2. Diese sieben Reaktoren (alle vom Reaktortyp RBMK) waren in der UdSSR die ersten großen Leistungsreaktoren mit jeweils 1000 MW elektrischer Leistung.57 Das Kernkraftwerk von Tschernobyl galt als ein Paradestück sowjetischer Technologie.58 Noch innerhalb des neuen Fünfjahresplans sollte die Anlage 6000 MW erzeugen und damit weitgehend die Stromversorgung der Industriezentren im Herzen der Ukraine übernehmen.59 Die beiden ersten Tschernobylblöcke 1 und 2 wurden im September 1977 bzw. im Dezember 1978 in Betrieb genommen. Sie bilden zusammen den Teil 1 des KKW. Zwischen ihnen liegt ein Hilfsanlagengebäude, in dem das Wasserreinigungssystem und andere Anlagen, die für beide Blöcke arbeiten, untergebracht sind. Die Hauptumwälzpumpen und die Dampferzeuger liegen in den jeweiligen Reaktorgebäuden. Seitlich (südlich) dieses dreiteiligen Gebäudekomplexes steht das etwa 400 m lange Maschinenhaus, in dem sich für jeden Reaktor zwei große Turbogeneratoren (je 500 MW) befinden. Am östlichen Ende die Turbinen 1 und 2, die zum Reaktor 1 gehören, daneben die Turbinen 3 und 4 des zweiten Reaktorblocks. Später wurden die Turbinenhalle und der gesamte Gebäudekomplex in Richtung Westen verlagert. Dort stellte man die Turbinen 5 bis 8 für die Reaktorblöcke 3 und 4 auf. Dieser westliche Teil bildet die Ausbaustufe 2 des KKKW Tschernobyl. Der Reaktor 3 nahm zum Jahresende 1981 den Leistungsbetrieb auf, der Reaktor 4 Ende 1983.60 Zur Zeit des Unfalls verfügte der Reaktor noch über rund 75% seines ursprünglich 1983 geladenen Brennstoffs.61 Dies bedeutet, dass defekte oder undicht gewordene Druckröhren wahrscheinlich zwischen 1984 und 1986 ersetzt worden waren.62 Möglicherweise sollten sie entfernt werden, um aus ihnen in Wiederaufbereitungsanlagen Plutonium zu gewinnen. Da eine der Eigenschaften des RBMK, wie bereits oben erwähnt, seine Nützlichkeit für militärische Zwecke ist (weshalb die Kernkraftwerke dieses Typs auch nicht ins Ausland und in die kommunistischen "Bruderländer" exportiert worden waren),63 sind Brennelemente dann leichter zu entnehmen, wenn sie klein, trennbar und leicht zu transportieren sind.

Soweit also zur Geschichte von Tschernobyl, Pripjat und dem Kernkraftwerk. Kommen wir nun zum Unfall.

  1. Der UnfallGanz nach oben !

  1. QuellenGanz nach oben !

Der Unfall ist in der deutschsprachigen Fachliteratur häufig beschrieben worden. Am ausführlichsten stellt Grigori Medwedew in "Verbrannte Seelen" den Ablauf der Katastrophe dar. Medwedew war als Kernkraftingenieur im April 1986 stellvertretender Chef in der Abteilung Kernkraftwerksbau im sowjetischen Energieministerium und Mitglied der Regierungskommission, die die Katastrophe untersuchte. Dieser sowjetische Bericht wurde Grundlage für das Treffen der IAEO vom 25.-29. August 1986 in Wien. Er weist die Unfallschuld überwiegend – aber nicht ausschließlich - den Operatoren zu.64 Die westliche Fachliteratur von Karl-Heinz Karisch65 bis Franz-Josef Brüggemeier66 akzeptiert diesen Bericht als fachlich seriöse Grundlage, der sie folgen, wenn sie auch die Einwände von Tschernousenko67 teilweise berücksichtigen. Tschernousenko war nach dem Unfall einer der drei Chefliquidatoren als Leiter der mehr als 600 000 eingesetzten Liquidatoren, die offiziell damit beauftragt wurden, die Folgen des Reaktorbrandes soweit wie möglich zu beseitigen. Er hält die Verstöße des Bedienungspersonals68 für Mythen, um die Mängel im Sicherheitssystem des RBMK zu verschleiern69 und führt die Schlußfolgerungen der Regierungskommission darauf zurück, dass keine Operateure in der Kommission waren, um – ich zitierte es oben bereits – die gravierenden Konstruktionsfehler der RBMK-Reaktoren zu verschleiern.70 Bei der Beschreibung des Unfalls stütze ich mich auf diese Quellen, wobei eine Bewertung durch Fachleute vorzunehmen ist. Gestützt habe ich mich auch auf ein hervorragendes Manuskript meines Freundes Michael Hedtstück aus dem Jahre 2000, welches den Unfallhergang – gestützt auf die gleichen obigen Quellen – rekonstruiert.71

  1. Der Weg zur KatastropheGanz nach oben !

Wie oben bereits erwähnt, wurde der Reaktor 4 des KKWs im Dezember 1983 übergeben. Zhores Medwedjew72 vermutet, dass der Reaktorblock 4 für betriebsbereit erklärt wurde, obwohl entsprechende Sicherheitsexperimente am Turbogenerator fehlgeschlagen waren. Hätte Kernkraftwerksdirektor Brjuchanow das Genehmigungspapier nicht bis 31. Dezember 1983 (die Fertigstellung erfolgte am 20. Dezember 1983) unterschrieben, wären die beteiligten Mitarbeiter und Vorgesetzten ohne Prämien und anderweitige Auszeichnungen geblieben, die angesichts der geringen Gehälter in der früheren Sowjetunion einen zunehmend bedeutsamen Teil des durchschnittlichen Industrieeinkommens darstellten.73 Anfang März 1984 wurde berichtet, dass der Block 4 des KKW Tschernobyl mit 1000 MW elektrischer Leistung zwei Monate früher als geplant seinen kommerziellen Betrieb aufgenommen habe – vollkommen im Gegensatz zu den meisten anderen Kernkraftwerksblöcken der UdSSR, bei denen es zu Verzögerungen in der Betriebsaufnahme gekommen war.74 Die Vollendung eines Projekts vor der geplanten Zeit ist in der sowjetischen Industrie ein solch seltenes Ereignis gewesen, dass es dafür ebenfalls beträchtliche Auszeichnungen und Prämien gegeben hat. Medwedjew vermutet, dass der Wunsch, "übererfüllung" zu melden, zu Beschneidungen in dem festgelegten Testprogramm geführt haben.75 Ganz offensichtlich sollten fehlgeschlagene Tests an den Turbogeneratoren, die zwischen der Fertigstellung des Reaktorblocks im Dezember 1983 und der kommerziellen Betriebsaufnahme im März 1984 erfolgt waren, Ende April 1986 wiederholt werden.76 Auch diesmal galten die obigen Überlegungen. Es sollte geprüft werden, ob sich die Notstromversorgung des Reaktors nach einer Schnellabschlatung noch für kurze Zeit über den Hauptstromgenerator aufrechterhalten ließ. Wenn also der bislang fehlgeschlagene Versuch vor dem 01. Mai, dem Tag der Arbeit – einem hohen Feiertag in der früheren UdSSR – erfolgreich durchgeführt werden könnte, winkten erneut Erfolgsmeldungen in den Nachrichtensendungen und Aufbesserungen der Lohntüten.77

Am 25. April 1986 bereitete man sich im Kernkraftwerk Tschernobyl auf das Abschalten des vierten Blocks zur Durchführung des oben erwähnten Experimentes vor. Dieses Experiment wurde im Auftrag eines Fremdbetriebes, einer Turbogeneratorenfabrik, durchgeführt.78 Wozu wird ein solches Experiment – Grigori Medwedew weist ausdrücklich darauf hin, dass die Durchführung dieser Versuche aufgrund des hohen Risikos von anderen Kernkraftwerksleitungen abgelehnt wurde und nur die Leitung des Tschernobyler KKWs zustimmte79 - benötigt ? Bei vollständigem Ausfall der Energieversorgung der Kernkraftwerksanlagen – so Medwedew80 - bleiben alle Elektromotoren stehen und damit auch die Pumpen, die das Kühlmittel durch die aktive Zone des Kernreaktors pumpen. Dadurch kommt es zur Kernschmelze, was einer extremen nuklearen Havarie entspräche. Der für solche Fälle vorgesehenen Nutzung jeder möglichen Energiequelle sollte auch der Versuch mit dem Turbinenauslauf dienen. Schließlich wird so lange Elektroenergie erzeugt, wie sich der Rotor des Generators dreht. Deshalb soll und muß man den Auslauf der Turbine in kritischen Fällen nutzen.81 Voraussetzung eines solchen Versuches ist aber, dass der Reaktor sich vorher in einem stabilen, gesteuerten Betriebszustand befindet und über die vorgeschriebene Reaktivitätsreserve verfügt. Daher müssen – so Medwedew – Notkühlsystem und Havarieschutzsystem des Reaktors in Betrieb bleiben. Die für den 25. April 1986 geplanten Versuche wurden in diesem Kernkraftwerk nicht zum ersten Mal durchgeführt.82 Die vorherigen Versuche aber fanden in einem stabilen, gesteuerten Betriebszustand statt ! Der gesamte Reaktorschutzkomplex war in Betrieb gewesen !83

Der Versuch sollte eigentlich bereits am Freitag Mittag durchgeführt werden. Die Stromlastverteiler-Zentrale in der ukrainischen Hauptstadt ordnete jedoch an, den Reaktor zunächst mit halber Kraft weiterlaufen zu lassen. In den folgenden neun Stunden baute sich im Reaktor eine sogenannte Xenon-Vergiftung auf. Xenon-135 ist ein normales Beiprodukt des Spaltprozesses, geformt aus Jod-135 und Tellur-135, den wichtigsten Isotopen, die bei der Spaltung von Uran-235 erzeugt werden. Xenon-135 absorbiert Neutronen und verwandelt sich in Xenon-136. Dieser Prozess hemmt die Kettenreaktion, da dieses Spaltprodukt, ein Edelgas, die zur atomaren Kettenreaktion notwendigen Neutronen einfach verschluckt.84 Um weiterhin Energie zu produzieren, mußte die Bedienungsmannschaft fast alle Brennstäbe herausziehen. Dabei wurde die zulässige Minimalgrenze von 28 bewußt unterschritten.85 Die Reduzierung der Reaktorleistung sei – so Zhores Medwedjew86 - ein Routinevorgang, der mehr als eine Stunde in Anspruch nehme. Dem sowjetischen Bericht zufolge korrigierte der zuständige Operateur die Parameter des automatischen Kontrollsystems nicht korrekt. So wurden die Regelstäbe weiter eingefahren als erwartet und die Reaktorleistung fiel unter 30 MW. Grigori Medwedew führt diese Fehlentscheidung auf Inkompetenz des leitenden Personals – hier insbesondere des stellvertretenden Chefingenieurs Djatlow und auf Konformismus und Denkfaulheit des Personals zurück.87 Er, Stscherbak und Zhores Medwedjew betonen in ihren Arbeiten immer wieder die Tatsache, dass die Nachtschicht auf die Durchführung des Experimentes nicht vorbereitet waren und weisen auf die mangelnde Erfahrung und Ausbildung des Personals hin.88 Im Gegensatz zu den Anschuldigungen von Tschernousenko , der diese Vorwürfe zurückweist,89 gibt jedoch auch Medwedew den Konstruktionsfehlern des RBMK-Reaktors – und nicht nur dem Personal des KKWs – eine erhebliche Mitschuld an dem Unglück: Der Gerechtigkeit halber muß jedoch gesagt werden, daß dieses Todesurteil in gewissem Grade durch die Konstruktion des Reaktors RBMK vorbestimmt war. Man brauchte nur eine solche Konstellation herbeizuführen, bei der die Explosion möglich wurde. Und das geschah.90

Die Leistungsabsenkung des Reaktors war am 25. April um 1 Uhr morgens begonnen worden. Mittags gegen 13 Uhr betrug die Reaktorleistung nur noch 50%, die Turbine 7 wurde abgeschaltet. Danach hielt man die Leistung bis zum späten Abend auf Forderung der Energiezentrale in Kiew konstant.91 Ab 23 Uhr begann die weitere Reduzierung. Um 23.10 begann das Bedienungspersonal, die Leistung des Reaktors auf ein Viertel seiner Kapazität zu reduzieren.92 Dabei sackte die Leistung plötzlich auf weniger als 1% ab.93 Entgegen den Warnungen der Operatoren Toptunow und Akimow,94 die sich darauf beriefen, dass das technische Regelwerk bei einem Leistungsabfall von über 50% (es handelte sich hier um einen Einbruch der Leistung von 80%) ein Wiederanfahren des Reaktors verbot, da sich in diesem Falle die Vergiftung des Reaktors intensiver entwickele, gab der stellvertretende Chefingenieur Djatlow Anweisung, den Rektor 4 auf ein Niveau von 200 Megawatt hochzubringen. Dieser produzierte nun fortwährend Spaltprodukte, die ihn vergifteten.95 Um diese Anweisung von Djatlow zu erfüllen, muß Operator Toptunow mühsam per Handschaltung fast alle restlichen Brennstäbe aus dem Reaktorkern ausfahren – nur noch 18 der insgesamt 211 Brennstäbe bleiben eingefahren.96 Michael Hedtstück hat treffend kommentiert: Halten wir fest: Djatlow unterschätzte die Vergiftung des Reaktors, und sowohl Akimow als auch Toptunow, die beide das Experiment abbrechen wollten, wagten keinen Widerspruch und fügten sich den Anweisungen Djatlows.97 Doch Djatlow handelte noch schlimmer: Der verringerte Dampfdruck und der niedrigere Wasserstand hätten normalerweise die Notabschaltung des Reaktors zur Folge gehabt. Schichtleiter A. Akimow ordnete jedoch – mit Zustimmung seines Vorgesetzten A. Djatlow – die Blockierung des Sicherheitssystems für diese Parameter an, d.h. man klemmte zuvor noch alle Notabschaltknöpfe ab, um den Test ungestört durchführen zu können, obwohl sich der Reaktor zu diesem Zeitpunkt in einem nicht steuerbaren, explosionsgefährdenden Zustand befand !98 Zu diesem Zeitpunkt hätte eine Explosion durch sofortiges Abbrechen des Experimentes und durch Einschalten des Notkühlsystems sowie des Dieselstromgenerators noch verhindert werden können.99

Um 1.22 Uhr verringerte der Kontrollingenieur B. Stoljartschuk den Speisewasserzufluß zu den Separatoren – es flossen nur noch 50 statt 220 Liter pro Sekunde,100 was im weiteren zu einer Erhöhung der Wassertemperatur führte, das von unten in den Reaktor gepumpt wurde.101 Dies mußte geschehen, da der Dampfgehalt im Reaktorkern fast auf Null sank.102 Es kam zu Druckeinbrüchen von 5-6 Atmosphären.103 30 Sekunden später sah der Reaktoroperateur Toptunow auf dem Ausdruck des Analyse-Computers, daß nur 18 anstelle der minimal erforderlichen 28 Bremsstäbe104 eingefahren waren. Der Ausdruck läßt nur einen Schluß zu: Der Reaktor muß sofort abgeschaltet werden.105 Oder sollte der Rechner falsche Werte liefern ? Toptunow teilt die Beobachtung seinen Vorgesetzten Akimow und Djatlow mit, unterläßt es aber, die erforderlichen 10-12106 Absorberstäbe einzufahren ! Halten wir fest: Sowohl Medwedew als auch Koepp107 sind der Auffassung, dass zu diesem Zeitpunkt die Katastrophe noch zu verhindern gewesen sei: das Experiment hätte abgebrochen und die Reaktorleistung langsam heruntergefahren sowie der Reaktorkern gekühlt werden müssen. Aber das Havariekühlsystem für den Reaktorkern war blockert und nun begann auch noch der Test ! Djatlows historische Worte zu diesem Zeitpunkt lediglich: Etwas beweglicher, meine Herren! Noch ein, zwei Minuten und alles ist vorbei!108 Diese Worte verraten entweder eiserne Nerven oder totale Unfähigkeit, den Ernst der Situation zu erkennen.109 So mußte es zur Katastrophe kommen.

  1. Zusammenfassung: Welche Fehler machte die Bedienungsmannschaft ?Ganz nach oben !

Grigori Medwedew110 fasst die Bedienungsfehler der Mannschaft, die von Tschernousenko als Mythen bezeichnet wurden,111 abschließend zusammen, und ich will diese Aufzählung, der Übersichtlichkeit halber, in diesen Aufsatz einschließen:

Tschernousenko117 hält dagegen: Keiner dieser Verstöße, auch nicht das Zusammenwirken aller, hat den Unfall verursacht, seinen Verlauf beienflußt oder Auswirkungen auf das Ausmaß seiner Folgen gehabt. Die Ursache des Unfalls lag seiner Auffassung nach in schwerwiegenden Konstruktionsmängeln des Reaktors, vor allem:

Aus den in Kapitel 3 und 4 dargelegten Informationen ist die Unfallursache erklärbar durch technische Mängel am Reaktortyp (hier ist Tschernousenko eindeutig recht zu geben) und auch aufgrund der Inkompetenz, Unfähigkeit, Borniertheit und mangelhaften Ausbildung des Personals, insbesondere des stellvertretenden Chefingenieurs Djatlow und auch des Leiters des KKW, Brjuchanow, der das Experiment zuließ. Ich hoffe, im begrenzten Rahmen dieses Aufsatzes für beide Thesen Belege geliefert zu haben.

Brüggemeier, dessen Publikation über Tschernobyl 1998 erschienen ist und die neuesten, mir vorliegenden Erkenntnisse enthält, urteilt abschließend: Mittlerweile herrscht Konsens, daß das Bedienungspersonal zwar Fehler gemacht hat, diese aber weniger gravierend sind, als lange behauptet wurde. Und vielfach waren diese Fehler gar nicht zu verhindern, da das Personal über mögliche Gefahren und Konstruktionsmängel nicht informiert worden war, obwohl diese andernorts bereits zu kritischen Situationen geführt hatten. Das galt insbesondere für den beschriebenen positiven "Scram-Effekt", demzufolge sich beim Einfahren der Bremsstäbe die Aktivität des Reaktors so dramatisch erhöhen konnte, daß der Prozeß der Kernspaltung außer Kontrolle geriet. Hinzu kamen unzureichende Betriebsvorschriften, eine mangelhafte Ausbildung des Personals, zu geringe Sicherheitsmargen oder das Fehlen einer wirksamen Hülle um den Reaktor, die die bei einem Unfall auftretenden radioaktiven Stoffe zurückhalten konnte. Eine derartige Häufung von Fehlern ist auffällig, auf andere Kernkraftwerke nur bedingt zu übertragen und in erster Linie durch Mängel des sowjetischen Regierungs- und Gesellschaftssystems zu erklären, das keine öffentliche und nicht einmal eine nennenswerte interne Diskussion über Probleme der Kernenergie zuließ. Zudem wurde in Tschernobyl versucht, nicht nur Strom, sondern gleichzeitig auch waffenfähiges Plutonium zu erzeugen, und deshalb die riskante Konstruktion des Graphitreaktors gewählt. Die Konsequenzen waren verheerend, hätten aber vermutlich vermieden werden können, wenn die Kenntnisse über die Mängel des Reaktors weitergeleitet und die geplanten Maßnahmen zu deren Beseitigung durchgeführt worden wären.118

Ich selber halte die Fehler der Bedienungsmannschaft durchaus für sehr gravierend und folge hier der Darstellung Medwedews. Im großen und ganzen jedoch halte ich aufgrund der obigen Informationen die Beurteilung Brüggemeiers für korrekt. Nützlich ist bei Brüggemeier auch der Hinweis auf das autoritäre sowjetische System, welches Erscheinungen wie Folgebereitschaft und schon den bei Medwedew beklagten Konformismus119 deutlich anspricht. Insbesondere Alexander Sinowjew hat mit seinem Begriff des "Homo Sovieticus" auf diese eigenartige Mischung von kritikloser Folgebereitschaft gegenüber der Obrigkeit, Passivität und Flexibilität hingewiesen.120 Dieses war bei dem Personal von Tschernobyl ebenfalls ausgeprägt.121 Bei dieser tragisch zu nennenden Häufung von Fehlern mußte es zur Katastrophe kommen, die nachfolgend geschildert wird.

  1. Die ReaktorkatastropheGanz nach oben !

Leitstandsmaschinist Igor Kerschenbaum schaltet um 1.23 Uhr das Drosselventil für die Dampfzufuhr zur Turbine 8, die daraufhin ihren Lauf verlangsamt. Die Generatoren laufen langsam weiter und hätten den gewünschten Strom erzeugen können, doch dann überschlagen sich die Ereignisse.122 Im Reaktorkern beginnt das Wasser zu sieden. Dampf entsteht, der die Wärme schlechter ableitet, so daß sich die Uranstäbe weiter erhitzen. Dadurch werden wiederum die Geschwindigkeit der Neutronen erhöht, was seinerseits die Kettenreaktion beschleunigt. Da die Turbine 7 abgeschaltet ist, hätte in diesem Moment das Notabschaltsystem für den Reaktor wirksam werden müssen, welches – wie eben oben erwähnt – jedoch ebenfalls blockiert worden ist. Dies ist nach der Betriebsanleitung natürlich verboten und auch im Plan für das Experiment nicht vorgesehen. Aber zu diesem Zeitpunkt war eine paradoxe Situation entstanden: Das Auslösen der Notabschaltung zu diesem Zeitpunkt hätte die Katastrophe nicht nur nicht verhindert, sondern sogar zu einer früheren Auslösung der Explosionen geführt.123 Diese Tatsache stellt – wie oben erwähnt – den gravierendsten Konstruktionsfehler des RBMK-Reaktortyps dar.

Nachdem die Turbine 8 keinen Dampf mehr erhält, erhöhen sich der Druck in den Dampfabscheidern und im Reaktorkern und damit der hydraulische Widerstand des Reaktors. Infolgedessen nimmt der Durchfluß des Wassers erheblich ab und dieses wird aufgeheizt. Es siedet in zunehmendem Maße. Bedingt durch die oben erwähnte Konstruktion des Reaktors erhöht sich mit steigender Temperatur die Reaktivität, d.h. die Energieproduktion. Dies geschieht einmal durch einen positiven Temperaturkoeffizienten des Graphits und außerdem durch einen positiven Dampfblasenkoeffizienten (d.h. je größer der Dampfanteil im Wasser wird, desto mehr Wärme erzeugt der Reaktor pro Sekunde). Der Reaktorkern wird nicht nur immer heißer, er beginnt auch, seine Leistung kontinuierlich zu erhöhen. Toptunow bemerkt diesen Leistungsanstieg als erster und schlägt Alarm: Wir müssen den Reaktor sofort mit dem Havarieschutz abschalten..., die Leistung steigt.124 Schichtleiter Akimow zögert. Kann er sich über den zuständigen Ingenieur Djatlow hinwegsetzen ? Die Situation spitzt sich zu, die Kettenreaktion wird immer heftiger, und nach kurzem Bedenken löst der Schichtleiter den Havarieschutz aus, um den Reaktor abzustellen – nur 36 Sekunden nach Beginn des Versuches. Toptunow drückte den Knopf zur Leistungsreduzierung bei Gefahr (Notabschaltung des Reaktors). Nun werden die Bremsstäbe in den Reaktor eingefahren, was jedoch nur sehr langsam (mit einer Geschwindigkeit von 0,4 m/s) erfolgt. Jetzt kommt ein entscheidender Konstruktionsfehler des Reaktortyps zum Tragen: Die Spitzen der Steuerstäbe bestehen aus Graphitstangen – diese sollen normalerweise die Neutronenbilanz verbessern, solange der Reaktor unter Vollast läuft - , und lösen eine kurzfristige Anheizung der Kettenreaktion aus. Die Notbremse wird so zum Gaspedal.125 Zuallererst erreichen die entscheidenden Spitzen der Steuerstäbe, die einen Reaktivitätszuwachs von einem halben Beta bringen, die aktive Zone, und zwar genau in dem Moment, in dem dort das Kühlwasser aufkocht und es damit zu einem kräftigen Reaktivitätsschub kommt. Diese verfluchten 0,5 Beta waren der letzte Tropfen, der die Geduld des Reaktors zum Überlaufen brachte.126

Das, was Schichtleiter Akimow innerhalb von wenigen Sekunden entscheiden muß, erweist sich als Verhängnis. Hier, an dieser Stelle, hätten sich Toptunow und Akumow etwas mehr Zeit nehmen und nicht den HS-Knopf (Havarieschutzknopf; B. N.) drücken sollen. Das Notkühlsystem hätte geholfen, das abgesperrt, zugekettet und plombiert worden war – meint Medwedew.127 In diesem Augenblick wäre es notwendig gewesen, sich um die Hauptumwälzpumpe zu kümmern, kaltes Wasser an der Saugseite einzuspeisen, um die Kavitation (Bildung von Hohlräumen in schnell strömendem Wasser, die beim Zusammenfallen geschoßartig Löcher aus Metalloberflächen herausschlagen können) zu stoppen. Damit wäre das Sieden des Kühlmittels in den Pumpen abgestellt worden, die Kühlung der aktiven Zone hätte sich verbessert, die Dampfbildung verringert und so wäre die Leistungssteigerung beendet worden.128 Es sei allerdings an den – von Karisch auch vorgetragenen – Einwand von Tschernousenko erinnert, der erklärte, das kalte Wasser hätte lediglich eine Wärmeexplosion aufgrund des Temperaturschocks bewirkt.129 Tschernousenkos Sicht der Dinge sieht so aus: Die Explosion fand statt, nachdem der Alarmknopf gedrückt worden war, was an sich recht paradox erscheint, stellen die Wissenschaftler des Instituts für Atomenergie laut Tschernousenko in ihrem Dossier lakonisch fest – allerdings nur in dem internen Bericht, der zum eigenen Gebrauch bestimmt war, W. I. Smutnjew, von Tschernousenko zitiert, äußert, solch ein Verhalten sei ein Alptraum für jeden Kernkraftwerksoperateur. Festzustellen sei also ein gravierender Konstruktionsfehler des RBMK-Reaktors.130 Soweit die Auffassung Tschernousenkos.

Akimow hat das, was sich die Untersuchungskommission später in Ruhe überlegt hat, jedenfalls nicht getan. Er hat den Havarieschutzknopf gedrückt. Quälend langsam fahren die Steuerstäbe mit einer Geschwindigkeit von 40 Zentimetern pro Sekunde ein. 15 Sekunden dauert es, bis ein Stab vollständig eingefahren ist.131 Die Lageanzeigen der Absorberstäbe flackern rot auf. Entsetzt blicken die Operatoren auf die Anzeigen. Sie ahnen, wovon sie verkünden. Die Stäbe sind auf halber Strecke steckengeblieben. Als Akimow bemerkt, daß die Stäbe statt der erforderlichen 7 nur 2 bis 2,5 Meter in die aktive Zone eingefahren sind, rennt er zum Operatorenpult und schaltet die Stromversorgung der Magnetaufhängungen der Steuerstäbe ab, um sie unter Nutzung des Eigengewichtes in die aktive Zone fallen zu lassen. Aber dies hilft nicht mehr. Offensichtlich sind die Kanäle zu jenem Zeitpunkt schon so deformiert, dass sich die Stäbe verklemmt haben.132 Akimow bewegt entsetzt den Schalter für die Stäbe, doch nichts tut sich. Operator Toptunow drückt die Knöpfe zur Anzeige des Kühlmitteldurchsatzes. Auf den Anzeigen zeigt das Schaltbild, daß der Reaktor ohne Wasser ist. Aus der Richtung des Zentralsaals, wo der Reaktor steht, kommen dumpfe Schläge. Die ersten Druckkanäle platzen. Ich verstehe überhaupt nichts mehr, brüllt Akimow verzweifelt. Was ist das für eine Teufelei ? Wir haben doch alles richtig gemacht.133 An der linken Seite des Steuerpultes steht Chefingenieur Djatlow und streicht sich ratlos über den Bart. Das kann nicht sein, steht in seinem Gesicht geschrieben. Alle Hauptumwälzpumpen sind in Betrieb, aber die Zeiger der Lastanzeige liegen auf Null. Er fängt sich und befiehlt: Der Reaktor muß gekühlt werden!.134 Innerhalb weniger Sekunden ist die Wärmeleistung des Reaktors von 200 auf 530 Megawatt gestiegen. Die aktive Zone des Reaktors beginnt zu glühen. Die Hüllrohre der Brennstäbe bestehen aus Zirkon. Dieses Material bewirkt, dass dem herausströmenden Wasser-Dampf-Gemisch Sauerstoff entzogen wird. Der entstehende Wasserstoff bildet mit Sauerstoff hochexplosives Knallgas. Es kommt zu einer fürchterlichen Explosion. Medwedew: In der Folge wird der Reaktor zerstört. Ein großer Teil des Brennstoffes, Reaktorgraphit und Teile der Reaktorkonstruktion werden durch die Explosion in die Umgebung geworfen. Aber auf der Höhenstandsanzeige der Steuerstäbe auf der Blockwarte des vierten Blockes sind die Zeiger, genauso wie auf der berühmten Uhr in Hiroshima, für immer stehengeblieben. Sie zeigen den Stand 2-2,5 Meter auch noch an, als der Reaktor schon von einem Betonsarkophag umschlossen ist.135 Zwei Beobachtungen kurz vor der Explosion seien erwähnt:
Der Vorarbeiter in Akimows Schicht, Perewotschenko, der sich während der letzten Sekunden vor der Explosion in der zentralen Halle über dem Reaktor befindet, sieht, wie die sieben Zentner schweren Abdecksteine über den Druckröhren des Reaktordeckels plötzlich anfangen, sich zu bewegen. Sie fliegen in die Höhe und fallen wieder hinab.
Der Pumpenmechaniker Chodemtschuk, der die Arbeit der Hauptumwälzpumpen während des Auslaufens der Turbine 8 beobachtet, sieht zur gleichen Zeit, dass alle 8 Pumpen fürchterlich erschüttert werden, als ob an ihnen Riesenkräfte rüttelten. Beide Aussagen lassen erkennen, dass in den Druckröhren, in denen sich die Brennstoffbündel befinden und durch die das Kühlwasser fließt, ein gewaltiger Überdruck entsteht, der die Druckröhren zerstört und die Hauptumwälzpumpen unwirksam macht. Die Explosionen, die den Reaktordeckel anheben und dann das Dach der Zentralhalle zerstören, erfolgen erst deutlich danach. Beide Arbeiter können noch eine erhebliche Strecke zurücklegen, um Akimow Meldung zu erstatten. Doch bevor ihnen das möglich wird, erfolgen mit gewaltigem Donner die beiden Explosionen.136 In der Schaltzentrale herrscht Chaos. Das Personal steht unter Schock, niemand weiß genau, was passiert ist. Schichtleiter Akimow beauftragt zwei seiner Mitarbeiter, Proskurjakow und Kudrjawzew, in den Reaktorraum zu gehen. Sie sollen dort die Bremsstäbe von Hand einfahren, um endlich die Temperatur im Reaktor zu senken. Die beiden machen sich auf den Weg, ohne zu wissen, dass sie in den Tod gehen werden. Ihnen bietet sich ein Bild der Zerstörung. Die Hallen sind verwüstet, um sie herum prasseln Flammen und erleuchten den Nachthimmel rötlich. Die Luft ist voller Qualm, es war unerträglich heiß, und beim Atmen brannten ihre Lungen. Schließlich gelangen sie – ohne Gasmasken oder irgendwelche Schutzkleidung – in den Reaktorraum. Den Zentralsaal gibt es nicht mehr, erklären sie. Die Explosion hat alles zerstört. Über uns war nur noch der Himmel.137

  1. Die Stunden nach der KatastropheGanz nach oben !

Die Löscharbeiten durch die Feuerwehr sind hervorragend dokumentiert und gut beschrieben worden.138 Während der ersten sechs bis sieben Stunden nach dem schlimmsten Atomunfall in der Geschichte liegt die Verantwortung für die Notmaßnahmen bei den Männern der örtlichen Feuerwehr. Der Leiter dieses 17 Männer139 umfassenden Trupps, Leutnant W. Prawik, tscherno10 erkundet die Lage und beschließt angesichts der zahlreichen Brandherde, seine Kräfte auf die Begrenzung des Brandes zu konzentrieren. Die Männer scheinen zu spüren, dass von ihrer Arbeit das Schicksal Hunderttausender Menschen abhängt. Im Laufschritt schließen sie die Löschröhre an und fahren die Leitern aus. Da das Feuer im nichtnuklearen Maschinenraum schlimmer wütet, konzentrieren sich Prawiks Männer auf diesen Teil, während die städtische Feuerwehr die kleineren Brände am offenen Reaktor löscht. Alles, was sich über dem Reaktor befunden hatte, ist hochgeschleudert und ringsum verteilt worden. Viktor Smagin, Schichtleiter von Block 4, sagt: Nun sehen Sie... hier liegt überall schwarzer Graphit.140 Währenddessen werden weitere Feuerwehrleute alarmiert. Leonid Teljatnikow, der die Einheit Nr. 2 an der Atomstation leitet, wird informiert, eilt aus seinem Kurzurlaub herbei und übernimmt um 1.40 Uhr die Leitung der Löscharbeiten. Er beschließt, vordringlich Brände an einzelnen Stellen auf dem Dach des Reaktorgebäudes 3 zu löschen, die durch niedergefallene, heiße Teile des Reaktors 4 entstanden waren. Ihm ist klar, dass das Feuer im Reaktor selbst nicht zu löschen sein wird. Er entscheidet daher, die Anstrengungen auf den Schutz der übrigen Reaktoren zu konzentrieren – eine Anweisung, die eine weitaus größere Katastrophe verhindert.141 Empörend ist, daß der Reaktor 3 unter dem brennenden Dach noch voll in Betrieb bleibt und erst viele Stunden später abgestellt wird.142

Die Löscharbeiten in den oberen Räumen von Block 4 und auf den Dächern von Blocks 3 sowie des Zwischengebäudes wurden vor allem vom Trupp von Leutnant Kibjonok und von Leutnant Prawik, dessen Männer noch mit dem Löschen des Brandes im Turbinenhaus beschäftigt sind, durchgeführt.143 Die beiden jungen Offiziere und auch vier Feuerwehrleute aus Kibjonoks Zug bezahlen ihren mutigen Einsatz mit dem Leben. Sechs schwarzumrandete Portraits erinnern an Leutnant Wladimir Pawlowitsch Prawik, Leutnant Viktor Michailowitsch Kibjonok, Sergeant Nikolaj Wassiljewitsch Wastschuk, Obersergeant Wassilij Iwanowitsch Ignatenko, Obersergeant Nikolaj Iwanowitsch Titjonok und Sergeant Wladimir Iwanowitsch Tistschura.144 Alle sechs Opfer sind zum Zeitpunkt ihres Todes um die 20 Jahre alt. Prawiks Frau, eine Musiklehrerin, hat einen Monat vor der Reaktorkatastrophe ein Kind bekommen.145 Die spätere Bilanz von Analolij Mikejew, Chef des Brandwesens im Moskauer Innenministerium lautete: Die ersten 28 Feuerwehrleute – fast alle sind später gestorben146 - haben 30 Brände zu bekämpfen, fünf davon auf verschiedenen Fluren; einige davon drohen das gesamte Kontrollsystem der Anlage zu zerstören. Fast alle der am ersten Einsatz Beteiligten sterben in den darauffolgenden Jahren. Zum Zeitpunkt der Katastrophe befinden sich 444 Personen in der Gesamtanlage. Die Brandbekämpfung dauert fünf Stunden; dabei sind insgesamt 240 Feuerwehrmänner mit 81 Löschaggregaten im Einsatz.147 Erwähnt werden muß der – heldenhaft zu nennende – Einsatz des Arztes Walentin Bjelokon,148 der in fast übermenschlichem Einsatz unter Mißachtung seiner eigenen Gesundheit die Verstrahlten und Verletzten versorgt. Nach dem Protokoll der Feuerwehr konnte der Brand um 4.50 Uhr im wesentlichen lokalisiert und bis 6.35 Uhr vollständig gelöscht werden.149

Undurchsichtig bleibt das Verhalten der Kraftwerksleitung während dieser Zeit, insbesondere des Kraftwerksdirektors W. Brjuchanow. Nachdem er gegen 2 Uhr im Kraftwerk eingetroffen ist, gibt er zusammen mit dem Parteisekretär der Stadt Pripjat falsche Meldungen über die Strahlensituation nach der Havarie an die übergeordneten verantwortlichen Stellen weiter. Er und der leitende Ingeneur des Kraftwerkes, N. Fomin, sind dafür verantwortlich, dass unmittelbar nach der Havarie geeignete Dosimeter zur Messung der Dosisleistung nicht zur Verfügung stehen. Dem Leiter des Stabes der Zivilverteidigung des Kraftwerkes, S. Worobjow, der um 2.15 Uhr im Kraftwerk eintrifft und mit seinem Privatauto – ausgerüstet mit einem Dosimeter mit geeignetem Meßbereich – sofort beginnt, die Dosisleistungswerte um den havarierten Kraftwerksblock herum zu messen, glauben weder der Direktor noch der neben ihm sitzende Parteisekretär, dass diese Werte für die dort Arbeitenden lebensgefährlich hoch sind. Brjuchanow vertraut lieber dem dosimetrischen Dienst des Kraftwerks, der über derart hohe Werte deshalb nicht berichtet, weil die vorhandenen Dosimeter in einem niedrigeren Skalenbereich bis zum Ende ausschlagen und dieser Ausschlag in Ermangelung geeigneter Meßgeräte als tatsächlichen Wert angegeben wird !150 Sie wollen das wirkliche Ausmaß der Katastrophe nicht wahrnehmen – ob aus Angst oder Feigheit ist letztlich unerheblich.151 Wesentlich wichtiger ist der Umstand, dass aus den genannten Gründen die übergeordneten Stellen falsche Auskünfte erhalten. Bei einer Sitzung verantwortlicher Leiter, die ab 10 Uhr am Samstagmorgen in Pripjat stattfindet und an der Brjuchanow teilnimmt, beruhigt dieser die Teilnehmer: es sei nichts Gefährliches passiert, das Leben in der Stadt müsse seinen normalen Gang weitergehen.152

Die sowjetische Führung wird am 26. April 1986 um 3 Uhr morgens informiert.153 Am Samstagmorgen werden die Straßen von Pripjat mit Seifenlösung abgespritzt. Vor den öffentlichen Gebäuden sind Milizionäre stationiert. Aber die Menschen gehen mit ihren kleinen Kindern spazieren, es ist ein warmer Tag. Die Evakuierung findet erst am nächsten Tag, dem Sonntag, um 14 Uhr statt, nachdem die aus Moskau nach Pripjat entsandte Untersuchungskommission, die am Samstag um 9 Uhr aus Moskau gestartet ist, um 10.45 Uhr in Kiew gelandet und gegen 16 Uhr am Samstagnachmittag in Pripjat eingetroffen ist,154 dies in der Nacht zum Sonntag entschieden hat.155 Während 48 000 Bewohner überstürzt in Bussen evakuiert werden, fliegen – ungeschützt von der gefährlichen Strahlung - Hubschrauberpiloten Sack um Sack zum brennenden Schlund. Die Mischung aus Sand, Bor und Blei soll die weißlodernden Graphitflammen im Atomkrater ersticken, die noch laufende Kettenreaktion auf ein ungefährliches Maß reduzieren und die Strahlung abschirmen. Am Abend meldet Hubschrauberppilot Nikolai Wolkosub dem Vorsitzenden der eingesetzten Regierungskommission, dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Boris Schtscherbina, es seinen 80 Sack abgeworfen worden. Schtscherbina ist entsetzt. Das sind Tropfen ins Meer, sagt er, das ist viel zu wenig, wir müssen Tonnen abwerfen!156 In der folgenden Nacht beraten Piloten und technisches Personal, wie der Einsatz effektiver gemacht werden könnte. Sie beschließen, die Säcke im stabilen Bremsfallschirm der Jagdflieger an der vorhandenen Lastentrag-Konstruktion zu transportieren. Damit werden in rascher Folge bis zum 7. Mai über 5000 Tonnen abgeworfen.157 Eingesetzt wird ein Gemisch aus Bor zum Stoppen der Kettenreaktion, Blei zur Strahlenabschirmung, Sand und Lehm zur Abdeckung sowie Dolomit.158 Erst am 5. Mai gelingt es, den Reaktorkern abzukühlen. In Tschernobyl brennt der Reaktor 10 Tage. Nachdem der Brand nach drei Tagen fast gelöscht scheint, wird der Reaktor wieder heißer und brennt immer heftiger. Trotz Einsatz schwerster Technik konnte der Brand nicht schneller gelöscht werden.159

Insbesondere empörend ist, dass trotz Glasnost die Bevölkerung und das Ausland unzureichend informiert werden und in Kiew – unbeeindruckt von den Geschehnissen im nahen Tschernobyl - der 1. Maifeiertag auf Anordnung der Führung wie in jedem Jahr ohne jede Einschränkung begangen wird. Alla Jaroshinskaja, die diese Vernebelungstaktik der Machthaber am eingehendsten untersucht hat, dokumentierte den verharmlosenden, scherno17 ja realitätsfernen Satz der Machthaber: Nichts bedroht die Gesundheit unserer Kinder.160 Die von ihr im April 1992 heimlich kopierten Unterlagen aus dem Kreml161 beweisen, daß die Machthaber selber erstklassig informiert wurden. Das gefährlichste Element, schrieb Jaroshinskaja damals in der Berliner "Tageszeitung", das der Reaktor in Tschernobyl ausgekotzt hat, fehlt in der Periodentafel der Elemente: Sein Name ist Lüge-86.162 Zwei Tage wird das Ausland nicht informiert, bis Schweden – durch Messungen alarmiert – in Moskau nachhakt. Erst am Mittwoch informiert die sowjetische Regierung auch die Internationale Atomenergiebehörde von dem Unfall.163 Erst am 2. Mai reisen der damalige Zweite ZK-Sekretär Ligatschow und Ministerpräsident Ryshkow nach Tschernobyl, und nochmals weitere zwei Wochen wartet Gorbatschow ab, bis er sich an die Öffentlichkeit wendet.164 Zu jener Zeit war – milde gesprochen – von Glasnost nichts zu spüren. Festzuhalten bleibt: Die sowjetische Führung hat sich an der Bevölkerung versündigt: es wurde zu spät evakuiert und informiert. Bis heute wurde keiner der damaligen Politbüromitglieder und ZK-Sekretäre der sowjetischen und ukrainischen Führung für diese Taten verurteilt Zum Abschluß dieses Kapitels möchte ich Koepp zitieren: Bei dem Teil der Bevölkerung der Ukraine, Weißrußlands und Rußlands, der in den Gebieten wohnte, durch die radioaktive Wolken zogen, entstand infolge des Verhaltens der Kraftwerksleitung großer Schaden. Nichts Böses ahnend, freuten sich überall die Kinder, daß sie sich nach dem Ende der Schulwoche im Freien erholen konnten. Auch die Erwachsenen verbrachten den schönen Frühlingstag und den folgenden Sonntag vielfach an der frischen Luft. Eine Warnung am Sonnabendmittag oder wenigstens am Sonntagmorgen hätte die Strahlenbelastung von mehreren Millionen Menschen erheblich verringert. tscherno18 Außerdem wäre bei vorbeugender Behandlung mit Jodtabletten, wie sie in Pripjat am Sonnabend ausgeteilt wurden, die Schilddrüsenbelastung nicht so hoch gewesen, und heute hätten vielleicht in Weißrußland, der Ukraine und Rußland mehrere hundert Kinder weniger Schilddrüsenkrebs. Diese Politik der Nichtinformation der Bevölkerung wurde leider durch die Regierungskommission auch nach genügend genauer Kenntnis der Lage fortgesetzt, wodurch sich der gesundheitliche Schaden für die Menschen weiter vergrößerte. Hierfür hätte nicht nur Brjuchanow (wie geschehen) vor Gericht gestellt und verurteilt werden müssen.165 Ich habe dem nichts hinzuzufügen.

3. Der Reaktortyp von Tschernobyl:<br>Der RBMK-Reaktor und seine KonstruktionsfehlerIndex5. Vorläufige Opferbilanz von Tschernobyl: Konsequenzen eines Unfalls

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