Warnung - RadioaktivitätTschernobyl-HeadlineWarnung - Radioaktivität

Chronik einer technischen und menschlichen Katastrophe

2. Kurzer Abriss über die Geschichte der sowjetischen AtomenergieIndex4. Die Katastrophe von Tschernobyl: Unfall und Unfallhergang

  1. Der Reaktortyp von Tschernobyl:
    Der RBMK-Reaktor und seine Konstruktionsfehler

"Hätte es eine solche Philosphie gegeben, die die Umhüllung jedes Kernreaktors mit einem Containment als unerläßlich betrachtet, hätte der RBMK-Reaktor überhaupt nicht konstruiert werden dürfen"
Waleri Legasow32


Die Mängel in der Konstruktion des RBMK-1000-Reaktors, der im Reaktorblock 4 des KKW Tschernobyl eingesetzt war, bilden die Ursache für die schweren Folgen des Unglücks.33 Sowohl Alla Jaroshinskaja als auch Wladimir Tschernousenko34 halten schwere Konstruktionsfehler des Typs RBMK für die wahre Ursache der Katastrophe von Tschernobyl. Mehrere unabhängige Untersuchungen zu den Gründen der Katastrophe in Tschernobyl hätten gezeigt, dass beim Entwurf und der Konstruktion der radioaktiven Zone sowie der Kontroll- und Sicherheitssysteme des RBMK-Reaktors nicht weniger als 32 Verstöße gegen die nuklearen Sicherheitsbestimmungen begangen worden seien.35 Die gravierenden Mängel des RBMK-Reaktors hätten sich sonst nicht verschleiern lassen schreibt er in seinem Buch. Und dann wäre es erforderlich gewesen, die fünfzehn noch in Betrieb befindlichen Reaktoren abzuschalten und die dringend erforderlichen Korrekturen zur Beseitigung der Konstruktionsfehler vorzunehmen.36 Auch zehn Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl konstatiert Karisch zwei Lager unter den Experten. Die einen, vor allem die seinerzeit eingesetzte Untersuchungskommission, schiebe den Großteil der Schuld auf die Bedienungsmannschaft. Dies wird im nachfolgenden Kapitel ausführlicher untersucht werden, wenn der Unfallhergang behandelt werden wird. Die anderen Wissenschaftler hielten dies für Mythenbildung, um von den oben erwähnten Konstruktionsfehlern des Reaktortyps abzulenken.37 Wie funktioniert nun ein RBMK-Reaktor ?38

Der in Tschernobyl verwendete Reaktortyp ist der sogenannte RBMK-1000. Es handelt sich hierbei um einen Reaktor, bei dem die Moderation mit Graphit erfolgt und die erzeugte Wärme durch Wasser in Druckröhren abgeführt wird. Die Abkürzung RBMK steht für: Reaktor Bolschoj Moschnostij Kanalnij (Reaktor großer Leistung mit Kanälen). Deutsch lautet die Bezeichnung für diesen Reaktortyp Druckröhren-Siedewasser-Reaktor. Sie werden durch Graphitstäbe gesteuert und mit Wasser gekühlt. In solchen Reaktoren werden die Neutronen durch Graphitblöcke moderiert. Schwach angereichertes Uran wird als Brennstoff eingesetzt. Die Graphitblöcke verringern die Geschwindigkeit der schnellen Neutronen, die während der Spaltung von Uran-235-Atomkernen freigesetzt werden.39 Langsame Neutronen sind besser dazu geeignet, eine Kettenreaktion aufrechtzuerhalten, da sie eher weitere Kernspaltungen des Uran-235 herbeiführen. In abgeschaltetem Zustand befinden sich in dem Reaktorkern 2488 Graphitsäulen. Die Graphitstäbe trennen rund 1660 Brennelementkanäle bzw. Druckröhren. Dies ist der große Unterschied zu den meisten westlichen Reaktortypen, in denen es nur einen großen Druckbehälter gibt. Es sind also auch über 1600 Meßstellen zur überwachung nötig ! Das Wasser wird in diesen Röhren auf eine Temperatur von 280 Grad Celsius erwärmt. Dieses heiße, unter Druck stehende Wasser gelangt in Trommelseparatoren, wo das heiße Wasser und der Dampf voneinander getrennt werden. Der Dampf treibt die riesigen 500 MW-Turbinen an. Das separierte Wasser wird ebenso wie das Kondensationswasser des Dampfes, der die Turbinen angetrieben hat, - zurück in den Reaktor gepumpt. Um die Kettenreaktion unter Kontrolle zu halten, werden zahlreiche Regelstäbe (die Fachliteratur spricht in Anlehnung an Zhores Medwedjew von 211) benötigt. Die Konstruktion dieses Reaktortypes gestattet es, verbrauchte Brennstäbe gegen frische auszutauschen, ohne den Reaktor abzuschalten ! Karisch bemerkt zu recht,40 dass dieser Reaktortyp stark überaktiv ausgelegt ist. Ohne ständig eingefahrene Bremsstäbe, die die Neutronen wegfangen, würde der Reaktor "durchgehen". Zudem hat dieser Reaktortyp einen stark positiven "Void-Koeffizienten". Das bedeutet, dass die Leistung bei Kühlmittelverlust nicht abnimmt (wie dies bei Siede- und Druckwasserreaktoren der Fall ist), sondern exponentiell zunimmt. Die Brems- oder Regelstäbe des Tschernobyl-Reaktors, die dieses verhindern sollten, hatten zwei weitere katastrophale Eigenheiten: die meisten trugen an ihrer Spitze einen fünf Meter langen Verdrängerstab aus Graphit, der im Normalbetrieb die Neutronenbilanz des Reaktors verbessern sollte. Bei der Schnellabschaltung des Reaktors in Tschernobyl, bei der die Bremsstäbe eingefahren wurden, heizten diese Graphitstäbe die Reaktion kurzfristig zusätzlich an. Dieser Konstruktionsfehler wurde mittlerweile laut Karisch41 durch veränderte Abstände zwischen Graphitstange und Bremsstab beseitigt. Außerdem waren sie extrem langsam: Die Regel- und Abschaltstäbe des RBMK-1000-Reaktors lassen sich mit einer Geschwindigkeit von 40 cm in der Sekunde bewegen. Man benötigt daher 20 Sekunden, um sie von der höchsten Positionierung bis zum tiefsten Punkt zu fahren. Unter heutigen Maßstäben betrachtet ist dies sehr langsam (die in Kanada eingesetzten CANDU-Reaktoren mit schwerem Wasser als Moderator sowie die Druckwasser-Reaktoren in den USA und Japan benötigen dafür eine Sekunde).42 Außerdem benötigt dieser Reaktortyp aus den oben benannten Gründen sehr viel Kühlwasser. Wo nun kam in Tschernobyl dieses benötigte Kühlwasser her ? Es wurde dort extra dafür ein Kanal angelegt, der das Wasser aus dem Kühlwasserteich mit einer Oberfläche von ca. 22 Quadratkilometern heranführte und das warme Wasser ableitete.

Festzuhalten bleibt bei dieser notwendig kursorisch gehaltenen Schilderung, dass dieser Reaktortyp hyperaktiv und instabil konstruiert war, zahlreiche Meßstellen zur überwachung notwendig wurden und es zudem zu Brüchen in der den radioaktiven Dampf befördernden Leitungen gekommen ist (aufgrund der durch die Hitze verursachten Korrosion),43 die als hinnehmbar bezeichnet wurden.44 Waleri Legasow, der stellvertretende Direktor des Kurtschatow-Institutes für Atomenergie, erklärte Michail Gorbatschow und dem versammelten Politbüro am 03.07.1986: Der RBMK-Reaktor entspricht in einigen Positionen nicht den nationalen und internationalen Anforderungen. Es fehlen ein Schutzsystem, ein Dosimetriesystem und die Außenkappe (Containment; B. N.).45 In dem in Fußnote 33 erwähnten Abschlußbericht der Tschernobyl-Kommission des Obersten Sowjets der UdSSR von 1990 heißt es: Die Entstehung der Havarie, die schließlich zur Zerstörung des Reaktors führte, ist auf die Unzulänglichkeiten in der Reaktorkonstruktion zurückzuführen...Die unmittelbare Ursache für den anfänglichen Anstieg der Reaktorreaktivität war das Sieden des Wassers in der aktiven Zone...Darin zeigte sich sein Konstruktionsfehler: ein positiver Dampfeffekt, der durch die Struktur der aktiven Zone entsteht. Der Anstieg der Reaktivität wurde in der Anfangsetappe durch das Steuerungs- und Sicherungssystem nach Einschalten des Havarieschutzes des Reaktors nicht gestoppt, was auf den zweiten Konstruktionsfehler des Reaktors verweist: die unzulängliche Konstruktion des Steuerungs- und Sicherungssystems.46 In dem oben erwähnten Interview, kurz vor seinem Selbstmord am Tag nach dem zweiten Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe, erklärte er: Will man die Sicherheit eines Kernreaktors gewährleisten,...muß man drei Voraussetzungen erfüllen: "Erstens muß das Objekt selbst, also in diesem Falle der Kernreaktor maximal sicher sein; zweitens muß der Betrieb dieses Objekts maximal sicher gestaltet werden, wobei maximal nicht mit hundertprozentig gleichzusetzen ist. Die Philosophie der Sicherheit stützt sich auf eine unverzichtbare dritte Voraussetzung, bei der davon ausgegangen wird, daß es trotz allem zu einer Havarie kommen kann, bei der radioaktive oder irgendwelche chemischen Stoffe aus dem Reaktor austreten. Und für diesen Fall muß das gefährliche Objekt unbedingt mit einer Schutzhülle umgeben werden, die man Containment nennt...Und diese dritte Voraussetzung ist in der sowjetischen Kernenergetik nach meiner Ansicht sträflich vernachlässigt worden. Hätte es eine solche Philosophie gegeben, die die Umhüllung jedes Kernreaktors mit einem Containment als unerläßlich betrachtet, hätte der RBMK-Reaktor überhaupt nicht konstruiert werden dürfen. Schon allein die Tatsache, daß dieser Reaktor entwickelt worden ist, stellt vom Standpunkt der internationalen und überhaupt der normalen Sicherheitsstandards eine Ungesetzlichkeit dar."47

Es ist also im Fazit Tschernousenko und Jaroshinskaja Recht zu geben dies wird durch das denkwürdige Politbüroprotokoll vom 03.07.1986 ebenfalls belegt, welches bei Jaroshinskaja nachzulesen ist.48 - dass schwere Konstruktionsfehler am RBMK-Reaktor zu dem Unfall in Tschernobyl entscheidend beitrugen. Zum Abschluß dieses Kapitels sei noch einmal Alla Jaroshinskaja zitiert: Und trotz all dieser Mängel wurde das Verfahren betreffs der Konstruktionsfehler des RBMK-1000 eingestellt. Damit blieb die ganze Schuld für die Havarie ausschließlich an der Belegschaft des KKW hängen.49 Ihre Abrechnung mit den Machthabern im Politbüro fällt dementsprechend deutlich aus: Zuerst belogen sie uns über die Ursachen und Folgen der Havarie von Tschernobyl, ließen für die umgesiedelte Bevölkerung in den gefährdeten Zonen neue Häuser bauen, wälzten dann, obwohl sie die wirklichen Ursachen für das Unglück kannten, die ganze Schuld auf die Belegschaft des Kernkraftwerkes ab und stehen jetzt schon wieder an der Spitze und führen uns, genau wie früher.50

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