Stalins "Revolution von oben" in Grundzügen

3. Die Gründe für Stalins MachtaufstiegIndex5. Stalin und der Stalinismus

Die Ergebnisse der Politik Stalins sind bekannt. Brutale Zwangskollektivierung der Kulaken, der sogenannten "Großbauern", bei denen, vor allem in der Ukraine Millionen an unschuldigen Opfern starben, die genaue Zahl ist nicht bekannt.48 Die Hungersnot wurde einfach geleugnet, obwohl Stalin diese Not bewusst organisiert wurde, um die Bauernschaft zu vernichten.49 "Unter unvorstellbaren Opfern wurde das rückständige Riesenreich ins technische Zeitalter katapultiert. Es war dem Diktator vorbehalten, Europas düsterer Geschichte der Bauernvertreibungen in Industrialisierungsphasen ein neues finsteres Kapitel hinzuzufügen."50 Doch nicht nur die Kulaken wurden im Rahmen vonStalins Arbeitszimmer "Stalins Revolution von oben" vernichtet - auch Parteimitglieder, die sich kritisch äußerten oder gegen Stalins Politik aufbegehrten, wurden einfach umgebracht, es kam zu der "großen Säuberung" und der "Jeschowschtina", dem großen Terror von 1934-1939, dem offiziell 36 000 Menschen, inoffiziell jedoch rund 20 Millionen Menschen51 zum Opfer gefallen sind. Man mag noch einräumen, dass die Strukturveränderung in der Landwirtschaft eine ökonomische Notwendigkeit war, wenn die Industrialisierung beschleunigt werden sollte. Wollte man die Industrialisierung erzwingen, so blieb - so Günther Stöckl zu recht - wohl kaum ein anderer Ausweg als eine totale Strukturveränderung der Landwirtschaft im Sinne des produktiveren und besser zu kontrollierenden Großbetriebes. 1927 hatte die landwirtschaftliche Produktion in der Sowjetunion zwar den Vorkriegsstand erreicht, doch war infolge der Agrarreform von 1917 der als Warengetreide verfügbare Überschuss anteilsmäßig von 26% auf 13% zurückgegangen. Wie sollte unter diesen Umständen der Export gesteigert und gleichzeitig eine Reserve gebildet werden? Beides verlangte aber eine Industrialisierung, denn man musste in verstärktem Maße industrielle Ausrüstungen importieren und für die Ernährung der rasch wachsenden Industriestädte sorgen. Nun war der landwirtschaftliche Großbetrieb ohne Zweifel besser geeignet, Überschüsse für den Markt bzw. für die Zwecke des Staates zu produzieren - im zaristischen Russland hatte fast die Hälfte es Warengetreides von den Gutsherren gestammt52. Und natürlich hatte der berühmte Satz Stalins aus dem Jahre 1931: "Wir sind hinter den fortgeschrittenen Ländern um fünfzig bis hundert Jahre zurückgeblieben. Wir müssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das zustande, oder wir werden zermalmt"53 durchaus eine gewisse Berechtigung54. Aber die Art und Weise der Zwangskollektivierung widersprach jeder wirtschaftlichen Vernunft und ist nur aus politischen Motiven zu erklären, bei denen sich die ideologischen und machttotalitären Elemente die Waage gehalten haben. Mit dem Widerstand eines bodenverbundenen Bauernstandes brauchte Stalin in Zukunft nicht mehr zu rechnen. "Und der "Vozd" (russ.: Führer) sorgte gleichzeitig dafür, dass auch alle etwa noch auf anderen Gebieten vorhandenen Unklarheiten beseitigt wurden."55 Gegen die Politik der Zwangskollektivierung hatte sich Martemjan Rjutin ausgesprochen. Er war ein ehemaliger Parteisekretär in Moskau und verlangte 1932 die Absetzung Stalins und seiner Clique wegen der Folgen der Zwangskollektivierung. Stalin wollte ein Todesurteil gegen ihn erwirken, jedoch setzte die Mehrheit des Politbüros eine zehnjährige Haftstrafe durch. Dies zeigt, dass Stalin 1932 noch mit Widerstand gegen seine absolute Herrschaft zu rechnen hatte56. Diesen wollte er beseitigen.
In einem beispiellosen Terror wurde nach dem VII. Parteitag, dem "Parteitag des Sieges" vom Februar 1934 die vermutliche Opposition gegen Stalin ausgeschaltet, beginnend mit dem Mord am Leningrader Parteichef Kirow, den Stalin als potentiellen Rivalen wahrnahm57. Zur Festigung seiner Macht ließ Stalin 70% (98 von 139) der Mitglieder des Stalin und GenossenZentralkomitees des XVII. Parteitages erschießen und 1108 von 1956 Parteitagsdelegierte töten. Sie hatten gewagt, in geheimer Abstimmung Kirow mehr Stimmen zu geben als Stalin. Da er nicht wusste, wer gegen ihn gestimmt hatte, ließ er bis zum folgenden XVIII. Parteitag 1939 alle diejenigen, an deren Loyalität er zweifelte, ermorden. Wie oben bereits erwähnt, sollen rund 20 Millionen Menschen dem Terror zum Opfer gefallen sein. Dieser endete auch nicht 1939, sondern wurde während des Krieges und besonders nach dem Krieg, im "Spätstalinismus" fortgesetzt. Nach der sogenannten "Ärzteverschwörung" vom Januar 1953 wurde offensichtlich eine neue Säuberungswelle geplant, die die Terrorwelle der 1930-ger Jahre wiederholen sollte. Stalins Tod im März 1953 führte dazu, dass diese glücklicherweise nicht mehr ausgeführt wurde.

Es herrschte während der gesamten Stalin-Zeit ein Klima von Angst, Einschüchterung und Bis zum letzten Rotarmisten!!Terror in einem "System der Lüge" (Robert Conquest), wie es Anatolij Rybakow sehr beeindruckend in seiner Romantrilogie: "Die Kinder vom Arbat" anhand seines autobiographischen Schicksals gezeichnet hat. Auch Danil Granin beschreibt die Stalinzeit sehr eindrucksvoll in seinem Werk: "Jahrhundert der Angst." Es würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen, weiter auf die Stalinsche Schreckensherrschaft einzugehen, die in der Fachliteratur sehr gut erforscht ist. Auch die persönlichen Eigenschaften Stalins, der nicht nur ein "launischer Sadist" (Michail Voslensky) gewesen ist, sondern möglicherweise an Paranoia oder paranoider Schizophrenie gelitten haben soll58 (daher vermutlich sein Verfolgungswahn) sind hinreichend bekannt, etwa sein pathologisches Misstrauen, seine Grausamkeit, Humorlosigkeit, Übellaunigkeit und Exzentrik sowie sein von allen Stalin-Biographen bezeugtes Unterlegenheitsgefühl, das mit dem oben erwähnten Hass gegen Intellektuelle einherging. Doch dies reicht meines Erachtens nicht aus, das "Phänomen des Stalinismus" zu verstehen. Auf diesen Aspekt, der in der Fachliteratur sehr kontrovers diskutiert wird, möchte ich jetzt eingehen, bevor ich abschließend die Auswirkungen des Stalinismus auf die Bevölkerung untersuche.

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